Wieso Deutschland ein digitales dritte Welt Land wird

Wieso Deutschland ein digitales dritte Welt Land wird

  • On 1. Oktober 2015
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…oder zumindest auf dem besten Weg dahin ist.

Über die mangelhafte Verbreitung schneller Internetverbindungen ist ja schon öfters geschrieben worden. Das ist sicherlich auch ein Problem – heute schon und wird durch die Zunahme an umfangreichen Services die hohe Datenmengen produzieren, immer relevanter. Damit meine ich nicht nur Streaming – es wird ohne Breitbandanbindung einfach immer schwieriger, modernen Onlineinhalten folgen zu können.

Noch wichtiger finde ich allerdings wie wir, die Menschen, mit dem Internet umgehen. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Vor 30 Jahren hing dort noch nahezu jeder Arbeitsplatz direkt oder indirekt von verarbeitender Industrie ab – in diesem Fall der Holzindustrie. Vor gut 15 Jahren bin ich weggezogen und damals hatte der Niedergang bereits begonnen. Etwa 50% der Fabriken hatten bereits zugemacht. Noch ging es den meisten Menschen gut. Inzwischen gibt es nur noch 10% der Unternehmen. In der Kleinstadt mit ehemals 10.000 Einwohnern gibt es einen Rückgang der gemeldeten Einwohner, das Durchschnittsalter steigt, in der Fußgängerzone gibt es immer mehr Leerstand, die Immobilienpreis verfallen. Die Fahrt durch die Dörfer auf dem Weg zu dieser Kleinstadt ist noch viel bedrückender – es sieht einfach jämmerlich aus.

Als ich letztens wieder mal dort zu Besuch war, habe ich mich mit vielen Leuten über ihre berufliche Situation unterhalten. Viele sind Dauerarbeitslos oder haben lediglich einfache Hilfsjobs. Ein Umzug kommt für die meisten aus vielen Gründen nicht in Frage. Da mag man drüber denken was man will, letztlich kann man die Menschen kaum zwingen. Was mir auffällt: Es gibt im Grunde keine Onlineindustrie. Kein einziges Unternehmen ist vor Ort, das sein Geld online verdient. Und auch die Menschen mit denen ich sprach, sehen im Internet keine Option. Kein Ort um Geld zu verdienen oder Wertschöpfung zu kreieren. Internet ist Amazon, Zalando und Pornografie. Nicht sehr viel mehr.

Das ist erschütternd. Für viele in meinem Bekanntenkreis in Hamburg findet inzwischen ein Großteil des Lebens online statt. Einen Job in diesem Segment zu haben ist normal. In anderen Gegen in anderen Ländern ist das noch ausgeprägter; Berlin, London, Paris, Tel Aviv, Silicon Valley etc. Aber dort, wo es bei uns wirklich sinnvoll wäre das Internet intensiv zu nutzen, da wo die Struktur schwach ist, wird das Web im Grunde nicht als ernstes Medium oder Kanal wahrgenommen. Und das nicht nur bei Senioren, sondern bei fast allen Menschen. Und so versuchen engagierte Eltern das Internet und jegliche Art von „Computer“ von ihren Kindern so lange als möglich fern zu halten.

Woran liegt das? Ich habe die Menschen gefragt, wieso das Internet keine Option sein kann. Die Mehrzahl meinte, das Medien und Politik das Bild vermitteln, das das Internet unseriös ist, kein Ort für „ehrliche“ Menschen. Dann sicherlich auch kein Ort um sein Geld zu verdienen oder wo sich der Nachwuchs aufhalten können sollte. Natürlich habe ich hier keine wissenschaftlich fundierte Erhebung begangen. Dennoch gehe ich davon aus, das es so oder so ähnlich häufig aussieht. „German Angst“ hemmt die Menschen dort wo es besonders hilfreich wäre, das Internet sinnvoll einzusetzen.

Wenn dieser Trend nicht umgekehrt werden kann, werden wir die strukturell weniger gut erschlossenen Gegenden in unserem Land – von denen es viele gibt –  immer mehr verlieren. Es wird eine Schere der Digitalisierung aufgehen und mit ihr eine Schere der Bildung und des Wohlstands. Politik und Medien tragen heute ihren Teil dazu bei. Das, was heute von der Statistik und der Demographie noch ausgebügelt wird, wird in 10 – 20 Jahren eine klaffende Wunde sein. Mich wundert es jedenfalls nicht, das aus Deutschland bisher kaum international bekannte Onlineunternehmen gekommen sind.

 

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