Verlage weiter in der Krise – die Leichen und die Reichen

Verlage weiter in der Krise – die Leichen und die Reichen

  • On 19. November 2012
  • 2 Comments

In der Verlagswelt knallt es ja mal wieder mächtig in den letzten Tagen. Die Frankfurter Rundschau ist insolvent – muss man sehen was draus wird. Einflüsse hat das auch auf die Berliner Zeitung. Muss man auch mal sehen was draus wird. Der Prinz wird bis auf den sogenannten „Top Guide“ komplett eingestellt. Und Gerüchte halber soll es bei der Financial Times auch bald was per Sondermeldung zu berichten geben – hoffentlich nichts gar zu arges. Zumindest bei den bestätigten Meldungen wird angegeben, das die Einnahmen – vornehmlich im Anzeigenbereich – zu stark gesunken sind. Die Rundschau zum Beispiel macht seit Jahren hohe Verluste und soll wohl auch dieses Jahr wieder 10 – 20 Mio€ Defizit einfahren.

Gleichzeitig prescht Axel Springer mit seinen Initiativen in Punkto „Paid Content“ voran. Die Welt soll zum Jahreswechsel auf ein Paid Content Modell umgestellt werden – die Bild kommendes Jahr, vermutlich im Sommer. Axel Springer sieht im Paid Content die „große Chance“ und kolportiert wieder einmal das sich „guter Content wieder lohnen muss.“ In Summe scheint Axel Springer das Digitalgeschäft deutlich besser zu verstehen als die meisten Wettbewerber. So stammen inzwischen 35% des Umsatzes (und auch entsprechendes Ergebnis) aus dem Onlinebereich mit wachsender Tendenz. Diese Zahlen kommen zwar primär aus Zukäufen. aber immerhin scheint Axel Springer keine fallenden Messer wie StudiVZ zu kaufen. Seit einigen Monaten sind auch einige Top-Manager aus dem Axel Springer Konzern im Silicon Valley und sollen dort wohl mal eine richtige Prise „Internet Startup Kultur“ schuppern. Sicherlich auch eine spannende Initiative, um den alten Muff los zu werden.

Das zeigt ja schon mal, das es nicht zwingend Verlagen schlecht gehen muss in diesen Zeiten. Dennoch muss man wohl festhalten, das die Mehrheit der Verlage hart zu kämpfen hat. Natürlich hat inzwischen eigentlich jeder Verlag ein Webangebot – allerdings auch nur meist mit mäßigem Erfolg. Als Konsequenz aus dieser Malaise wird vielfach schon über den „Tod des Qualitätsjournalismus“ geschrieben und suggeriert, das es bald nur noch „user generated content“ geben wird – der natürlich in Punkto Qualität nicht mit dem althergebrachtem Journalismus vergleichbar sein dürfte. Das wollen zumindest die meisten von uns wohl auch nicht wirklich.

Ich persönlich finde in Summe sehr viele Parallelen zwischen Verlagen und Filmproduzenten/Studios. Beide haben ein in der Vergangenheit sehr erfolgreiches Geschäftsmodell gehabt und haben nun unterschiedlich große Probleme mit der Digitalisierung der Medien. Beide Branchen müssen neue Geschäftsmodelle implementieren um im Zeitalter der Digitalisierung, des Web 2.0 und der sozialen Interaktion weiter die etablierte Rolle inne halten zu können. In beiden Fällen lamentieren allerdings auch die meisten Teilnehmer der Branche eher, als das sie wirklich nach neuen Wegen suchen. Sehr schade – denn eigentlich bietet die heutige Zeit doch optimale Voraussetzungen um nach wirklich neuen Wegen zu suchen.

Am Beispiel der Zeitungen will ich gerne mal skizzieren, was meiner Ansicht nach im Bezug auf Geschäftsmodelle passiert und was nicht.

Eigentlich jeder Verlag nutzt im Web zunächst und oft auch ausschließlich, das gleiche Geschäftsmodell wie im klassischen Print. Er tauscht Content gegen Werbeeinnahmen. Da Werbung im Netz einem deutlich größeren Performancedruck unterliegt, funktioniert das Modell natürlich online nicht so gut und der Verlag verdient mit dem gleichen Content weniger Geld. Ferner muss der Content digital aufbereitet werden, was auch Geld kostet und die Erlöse reduziert. Da die Zahl der Leser sich nicht demographisch gesteigert hat, bestehen zunächst auch keine echten Potentiale für Mehrerlöse durch mehr Leser. Ausnahmen mag es in besonderen Situationen geben, wo in der absoluten Breite ein Bedürfnis nach Nachrichten besteht und auch die Menschen ein Nachrichtenangebot nutzen, die dies sonst nicht tun. Nicht beleuchtet ist hierbei noch, das Content im Netz schnell kopiert werden kann, durch Meta-Tools (wie Google) aggregiert wird und auch sonst deutlich schneller altert.

Da die Verlage das Dilemma schnell durchdrungen haben, wird ferner gerne mit Abomodellen, bzw. sogenanntem „paid content“, gearbeitet. Als User kann ich eine Nachricht erst lesen, wenn ich ein Abonomment einrichte, in liberaleren Modellen auch als „pay per read“, wo der Erwerb eines Artikels bezahlt werden muss. Auch hier haben wir im Grunde ein klassisches Print-Geschäftsmodell, das auch eher schlecht funktioniert. Es stellt sich ja auch wirklich die Frage, warum ich Geld für enen Artikel ausgeben soll, dessen Inhalt ich an anderer Stelle kostenlos bekommen kann. Ferner sind Abomodelle alles, aber nicht „typisch Internet“. Die Hürde für eine Inanspruchnahme ist ausgesprochen hoch. Bei einem „pay per read“ Angebot stehen wiederum Processingaufwand, Angst vor Datenmißbrauch beim User und der allgemeine Aufwand auf der negativ-Seite. Ausnahmen (New York Times soll damit recht erfolgreich sein?) sind wohl vor allem auf einer guten User-Journey und einem optimierten „Conversion Funnel“ aufgebaut, sowie möglicher Weise auf einem Experten-Status. Der Experten Status drückt sich dadurch aus, das eine für den User relevante Information so nicht an anderer Stelle gefunden werden kann und findet sich meist bei Zielgruppeninhalten, die spitz zugeschnitten sind (Beispiel Testmagazine).

Dieser „paid content“ Ansatz ist übrigens dann auch wieder das, womit Axel Springer bei der Welt und Bild den Durchbruch im digitalen Geschäft schaffen will. Auch wenn Axel Springer der Primus im digitalen Bereich sein mag, glaube ich da nun nicht wirklich dran. Insbesondere bei der Bild sehe ich wenig Bedarf den „Content“ auch noch einzeln zu zahlen. Die bisherigen Ansätze in diesem Bereich sind ja auch gescheitert. Aber lassen wir uns überraschen.

In Summe finden sich wenig andere und/oder innovative Geschäftsmodelle. Ich habe deshalb mal für mich überlegt, was ich meine was das für Modelle sein könnten. Hier ein paar Ideen von mir, die ich gerne zur Diskussion stellen möchte:

– User sinnvoll einbinden: Noch kein Modell um Erlöse zu erwirtschaften, aber um Content zu produzieren. User werden sinnvoll in die Qualitätsredaktion eingebunden. Zum Beispiel mittels Votings für Themenvorschläge; Leserfotos die inhaltlich von der Redaktion recherchiert werden; moderierte Podiumsdiskussionen (statt nerviger Kommentarfunktionen, in denen zu 95% nur Trash steht); Rankingsystem innerhalb einer Community, das User stärker mit einbindet (zum Beispiel als Guide oder Moderator –> ich finde das hat XING ein sehr schönes Modell)

– Affiliatemarketing und Merchandise: Es wäre sicherlich legitim, passend zu einem Artikel redkationell aufbereitete Affiliatelinks anzubieten. Diese müssen als solche erkennbar sein – bieten aber dennoch eine passende Brücke zwischen Artikel und Einnahmen. Ferner bietet es sich vor allem bei Serien zu Inhalten an Merchandiseartikel online zu platzieren. Diese Artikel können zuvor durch die Community selber mit entwickelt werden

– Brücke zwischen on- und offline: Der Verlag bietet der Onlinecommunity passend zugeschnittene Events an. Dort kann man seines gleichen treffen – der Verlag verdient an Teilnahmegebühren, Merchandise etc.

– Qualitystream: Mittels App kann ich mir einen Stream qualitativ hochwertigen Newscontents ordern. Dieser Content ist gemäß meinen Profileinstellungen zugeschnitten. Die App selber funktioniert als Freemium-Modell.

– Added value: Passend zu einem Artikel werden Zusatzinformationen angeboten (nur online). Diese Zusatzinformationen sind nun wiederum nur gegen Zahlung abrufbar. Als Zusatzinformation ist jetzt nicht nur ein weiterer Artikel gemeint, sondern es kann sich um alles handeln, was mit dem eigentlichen Artikel zu tun hat. Beispiel: Es gibt einen Artikel über einen Künstler und der Value Added sind Eintrittskarten für eine Vernisage. Oder abstrakter: Der Value Added sind Tickets für eine Verlosung von VIP Einladungskarten für eine Vernisage von dem Künstler etc.

Das sind nur ein paar Modelle die mir binnen weniger Minuten Nachdenkekn eingefallen sind. Ich bin davon überzeugt, das es noch unendlich viel mehr geben müsste, was man in diesem Bereich umsetzen kann. Irgendwie schade, das in der Verlagswelt so wenig probiert und getestet wird.

 

2 Comments

Axel der Autoschieber
Also im bereich Video gibt es noch einiges. Zum Beispiel ist es in Deutschland praktisch nicht möglich (legal) einen US Film mit englischer Tonspur zu kaufen.
    svenivobrinck
    Video scheint mir in jedem Fall noch fragmentierter und noch weniger Sinnhaft an vielen Stellen zu sein. Vielleicht setze ich mich damit demnächst mal auseinander - zumindest partiell...

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