Suizid, Industrialisierung und Digitalisierung

Suizid, Industrialisierung und Digitalisierung

  • On 31. Oktober 2016
  • 0 Comments

Karoshi kommt aus dem japanischen und bedeutet: „sich zu Tode arbeiten“. In Japan ist das teilweise sprichwörtlich passiert und auch andere Kulturen kennen das Arbeiten bis über den reinen Erschöpfungszustand hinaus. Betroffen sind davon in der Regel vor allem Arbeiter und Angestellte unterer und mittlerer Hierachieebenen. Warum es dazu kommt, kann man post mortem immer nur vermuten – generell ist aber anzunehmen, das übermäßiger Arbeitseifer auch mit dem Streben nach Absicherung zu tun hat (aber nicht nur). Ursprung ist das alte Versprechen: arbeite hart und Du kannst ein Leben lang (bei mir/diesem Unternehmen) arbeiten.

Das gilt schon lange nicht mehr in der Form und da der normale Angestellte und Arbeiter oft keine andere Antwort kennt, arbeitet er noch härter – teilweise über die Grenzen des machbaren hinaus. Karoshi.

Dieser krankhafte Einsatz ist ein Produkt der Industrialisierung, in der der Mensch als Arbeitsfaktor eine noch essentielle Rolle gespielt hat. Durch die Digitalisierung ändert sich das, denn über die Jahre und Generationen hinweg, werden immer mehr Arbeitsplätze, mehr Stellenprofile, durch Maschinen, Software und Roboter ersetzt, bzw. in Zukunft ersetzbar. Sammelbegriffe hierfür sind Digitalisierung und Industrie 4.0. Etwas Videomaterial dazu (je nach Browser funktioniert der Link in das Video nur bedingt; falls es nicht automatisch passiert, bitte auf Minute 18:52 springen):

 

 

Wie im Video erläutert und hinlänglich bekannt: Deutschland ist einer der größten Gewinner der Industrialisierung. Das in Deutschland starke Ingenieurswesen hat mit dazu beigetragen, das aus dem zerstörten Land nach 1945 der Exportmeister der Welt werden konnte. Egal in welchem Ranking – wenn es um Wirtschaftsleistung geht, landet Deutschland immer weit vorne. Und die Mehrzahl der Menschen hier geht wohl sicher davon aus, das dies auch in 10 – 20 Jahren noch der Fall ist. Ich denke das ist zu einfach und auf keinen Fall garantiert. Der Status Quo hat keine Zukunftsgarantie und die Nachhaltigkeit von Wirtschaftssystemen und Teilnehmern verändert sich massiv.

Ein einfaches Beispiel: Mein Vater wurde 1990 das erste mal arbeitslos, weil sein Arbeitgeber insolvent wurde. Kurz zuvor hatte er eine goldene Armbanduhr für 25 Dienstjahre bekommen. Die Eigentümerfamilie hatte zwar Vermögen für nötige Stützungsmaßnahmen, war aber nicht mehr bereit zu investieren (was ich objektiv betrachtet total nachvollziehen kann). 400 Mitarbeiter verloren ihren Job – ein Skandal in der Kleinstadt, der Teile der Bevölkerung für Jahre beschäftigt hat. Neben dem Umstand, das „Arbeitslosigkeit“ in der Vergangenheit ein echter Makel war und wirtschaftlich nie einfach ist, hat es meinen Vater aber auch fassungslos gemacht, das „die andere Seite“ die assoziierte Vereinbarung der lebenslangen Beschäftigung nicht eingehalten hatte. Er konnte nicht begreifen, das die „Unternehmerfamilie“ weiter ein Leben mit Luxusinsignien führte (dickes Auto, schickes Haus etc.) und die ehemaligen Mitarbeiter teilweise in ernste, wirtschaftliche Probleme gerieten.

So ähnlich müssen wir alle uns bewusst machen, das es keine Garantie dafür gibt, das ein erfolgreiches Unternehmen diese Rolle auch noch in 10 oder 20 Jahren inne hat. Das gilt für die Vielzahl der „hidden Champions“ und Mittelstandsunternehmen in Deutschland, wie auch für die namhaften und weltbekannten Unternehmen. Und so ist nicht verbrieft, das Deutschland in 10 – 20 Jahren noch der Exportweltmeister ist oder zum Beispiel etwa 400 Milliarden Euro Umsatz jedes Jahr in Deutschland in der Automobilbranche erwirtschaftet werden.

Die Zeichen stehen auf Veränderung. Immer mehr Studien gehen davon aus, das um 50% der heute bestehenden Beschäftigungsverhältnisse in den kommenden Dekaden obsolet werden (eine Quelle hierzu). Davon werden nicht nur „einfache“ Arbeiter betroffen sein, sondern auch sogenannte „white collar“ Jobs. Seien es Buchhalter, Ärzte, Servicekräfte, Journalisten oder Anwälte. Es wird nicht viele Kompetenzprofile geben, die nicht durch digitale Assistenten, künstliche Intelligenz und Robotik ersetzt oder verändert werden können. Für unsere Ökonomien und Gesellschaften wird das massive Auswirkungen haben. Wenn in 20 Jahren auch nur 20% aller jetzt arbeitenden Menschen ihren Job verlieren würden, würde das jede beliebige Wirtschaft dieses Planeten in ein Chaos stürzen können. Wenn es wirklich 50% sind, werden wir vermutlich massive Verwerfungen erleben. Suizid wird in einem solchen Umfeld sicherlich manchmal als letzte Lösung betrachtet werden.

Daran gemessen wirkt es erstaunlich, das nicht ernsthafter, ehrlicher und engagierter über Themen wie Grundeinkommen, Ausbildung, Lebensplanung, soziale Ausgleichssysteme wie Renten, Kranken, und Arbeitslosenversicherung diskutiert wird. Wir werden neue Konzepte zwingend brauchen – das die Rente nicht sicher ist, wissen wir ja inzwischen alle.

 

 

0 Comments

Kommentar verfassen