Spielebranche in der Krise? Bigpoint und Zynga entlassen Personal

Spielebranche in der Krise? Bigpoint und Zynga entlassen Personal

  • On 24. Oktober 2012
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Wie seit gestern zu lesen ist, entlässt Bigpoint 120 Mitarbeiter, schließt sein Büro in den USA und der bisherige CEO (Heiko Hubertz) geht in den Aufsichtsrat. Das ist natürlich nicht gut und die betroffenen Personen haben mein Mitgefühl.

Da Bigpoint nicht der erste große Spieleproduzent ist, der Mitarbeiter freisetzt, sieht sich die Internet World heute genötigt, von einer Krise in der Spieleindustrie zu schreiben. Bezug hierbei ist Bigpoint und die Konsolidierung bei Zynga, wo 5% der Mitarbeiter entlassen wurden und weitere Kürzungen wohl anstehen.

Das ist natürlich von der Faktenlage her erstmal vollkommen korrekt – dennoch ist es sehr reißerisch und nicht sehr objektiv von einer Krise zu schreiben. In 2011 hat die Spieleindustrie weltweit 56 Milliarden Dollar Umsatz realisiert – in den kommenden Jahren soll dieser Wert auf über 80 Milliarden anwachsen. Alleine in Deutschland werden knapp 2 Milliarden Euro (knapp 2,6 Milliarden USD) Umsatz in 2012 erwartet. Leichtes Wachstum soll auch hier zu knapp 2,5 Milliarden Euro bis 2018 führen.

In Summe also sehr gute Aussichten. Dennoch haben einige Märkte auf Sicht der letzten 10 Jahre konsolidiert und holen diesen Rückgang gerade auf. So auch Deutschland, wo in 2009 die Umsätze abnahmen und aktuell in etwa die Werte von 2009 erst wieder erreicht worden sind. Ein Umstand der aber eher einer Umverteilung der Umsätze aus bestehenden Geschäftsmodellen (wie klassischer Retail von Packungen) in neue Geschäftsmodelle wie f2p (free to play) oder sonstigen Onlinemodellen (Abo, pay-per-play etc.) resultieren dürfte. Eine Umverteilung, die so auch in anderen Märkten stattgefunden hat und eigentlich immer noch in vollem Gange ist. Ferner die Bewegung, auf deren Dynamik Unternehmen wie Bigpoint und Zynga ihren Erfolg aufgebaut haben.

Es ist Alltag in Unternehmen, das in Boomzeiten Strukturen aufgebaut werden. Zu diesen Strukturen gehören auch Mitarbeiter. Wenn sich die ökonomische Umgebung verändert, verändert sich auch die spezifische Situation eines Unternehmens und ehemals „angemessene“ Strukturen sind nicht mehr passend und  müssen wieder abgebaut werden. Am Beispiel von Bigpoint vermute ich als Außenstehender mal, das in den vergangenen Jahren sehr gute Erlöse erwirtschaftet wurden und die Kennzahlen (die sogenannten KPI) für Neukundengewinnung, Conversion, ARPPU und andere gut gewesen sind. Der Markt für das Kerngeschäft von Bigpoint verändert sich konstant und man hat versucht mit neuen Strategien zu reagieren. Unter anderem einem Büro in USA um den dortigen Markt besser bedienen zu können und von dem zeitlichen Vorsprung in US zu profitieren. Sowas kostet viel viel Geld. Nun waren die letzten Veränderungen eher zu Ungunsten von Bigpoint und man besinnt sich auf die Kernkompetenzen, mit denen man groß geworden ist. Es wird also ein Teil der Struktur wieder abgebaut, der nicht mehr angemessen ist, was hier das Büro in USA ist und auch ein Teil der Mitarbeiter in Hamburg.

Wie gesagt: erst mal schlecht für die betroffenen Mitarbeiter, aber sicherlich noch kein Zeichen dafür, das es Bigpoint bald nicht mehr geben wird oder aus „Bigpoint“ ein „Smallpoint“ werden wird.

Auch für Zynga möchte ich an der Stelle eine Lanze brechen. Zynga hat es geschafft mit ihren Spielen zum Rollenmodell für Facebookspiele zu werden. Damit will ich nicht sagen, das Zynga die besten Spiele hatte – sicherlich nicht; aber wie auch andere Beispiele der Historie zeigen (Windows?) gewinnt nicht immer der beste Code. Zynga hat sich dann beim Börsengang nicht selber gehypt, sondern ist gehypt worden. Wer würde nicht die Früchte eines solchen Rummels ernten wollen? Und natürlich hat Zynga versucht über Produktdiversifikationen neue Umsatzpotentiale aufzureißen, denn das Farmville Teil 28 weniger Geld verdienen wird als der erste oder zweite Teil, dürfte jedem klar sein. Das dann auch mal Invests in die Hose gehen und auch hier „Strukturen“ abgebaut werden, finde ich erst mal logisch. Zynga scheint eine „Produktbezogene“ Organisation von Teams zu haben, sodass nun besonders bei den Teams der schlecht laufenden Spiele Kündigungen ausgeprochen werden. Auch schlimm, aber auch sicherlich kein Beleg dafür, das es bald kein Zynga mehr gibt, oder gar kein Social Gaming mehr.

In Summe finde ich es schade, das bei schlechten Nachrichten wie diesen, gleich wieder ein „Krisengerücht“ montiert wird. Angst als Mittel zur Reichenweitensteigerung sollte verboten werden :-) Sicherlich ist das aber auch Ausdruck einer fehlenden Mißerfolgskultur in Deutschland. Alleine der Umstand, das ein Unternehmen einen Geschäftsbereich einstellt, reduziert oder umstrukturiert reicht, um mit der Krisenkeule zu wedeln. Ungleich produktiver wäre es doch, aus dem erlebten Rückschlüsse zu ziehen und als „learning“ konstruktiv auf die Zukunft anzuwenden.

 

1 Comments

svenivobrinck
Lese eben, das ich nicht alleine mit der Meinung bin. Lest hier, was Achim Quinke von der Gamecity dazu schreibt. Achim ist ein echter Insider und kann solche Prozesse zumindest für Bigpoint sehr gut bewerten.

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