Sind Knip und Getsafe Abzocke? – Disruption der Versicherungsbranche

Sind Knip und Getsafe Abzocke? – Disruption der Versicherungsbranche

  • On 4. November 2015
  • 8 Comments

Fintech ist ja eines der Buzzwords im Moment. In erster Linie denke ich dabei an Banken und Zahlungsmethoden. Versicherungen sind wie Banking ein extrem interessanter, großer und wichtiger Markt und in der Regel in den Sichten und Strategien im Fintech-Bereich nicht enthalten. Dennoch – oder eher deshalb – wird es in den kommenden Monaten und Jahren eine Vielzahl neuer Aktivitäten im klassischen Versicherungs- und Kapitalanlagebereich geben. Neben Neugründungen von außerhalb der Versicherungsbranche wird es auch durch die großen Player in diesem Bereich intensive Aktivitäten geben. Mindestens zwei Versicherungsgruppen haben wohl schon interne Mittel im dreistelligen Millionenbereich eingeplant und/oder bereitgestellt. Eine Menge Geld – wenig in Relation zu den Konzerngewinnen in dieser Branche.

Man merkt also, das die etablierten Player scheinbar nicht in eine Position wie einige Banken kommen wollen, wo teilweise erst sehr spät die Digitalisierung angefasst wurde. Viele der etablierten Spieler haben meiner Ansicht nach noch immer kein passendes Angebot für die Generation Y und später.

Momentan gibt es zwei Apps die im Versicherungsbereich gehypt sind: „Knip“ und „Getsafe„. Beide kommen nicht direkt aus dem Hause einer größeren Versicherung – ob sich dies bald mal ändert, bleibt abzuwarten. Beide werben damit, das man nach Installation der App schnell und einfach seine Versicherungen „in die App“ holen kann und dann erst mal einen Zugewinn an Übersichtlichkeit hat. Echte Unterschiede konnte ich nicht entdecken. So hier zum Beispiel bei Knip:

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Das liest sich auch alles sehr gut im ersten Moment. Der Hauptnutzen ist sicherlich erst mal die Aussicht, alle Versicherungen in einer App zu haben. Kein Stress mehr mit nerviger Papierablage. Die Chance sich persönlich noch informieren und beraten zu lassen ist auch nicht nachteilig.

Also habe ich mir die App installiert und bin die Registrierung durchgegangen. Hier mal anhand der Schritte (1-5; alle iPhone) bei getsafe, die aber mehr oder weniger identisch sind.

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Wie man hier schön sehen kann, soll man zuerst die Versicherungen auswählen, die man „importieren“ möchte. Das fixt schon mal gut an. Danach muss man sich dann anmelden. In Schritt 3 wird erläutert, was alles getan wird von Getsafe. Mir wird gesagt „…musst Du Getsafe als Betreuer Deiner Versicherungen bestätigen“. Und so werde ich in Schritt 4 dann nach der Unterschrift für ein sogenanntes Maklermandat gefragt. Es wird gesagt „…Getsafe ist ab sofort Ansprechpartner für alle angebenen Versicherungen“. In Schritt 5 dann die Übersicht über die importierten Versicherungen.

Was passiert danach? Getsafe hat in diesem Fall also ein Maklermandat von mir erhalten und den Auftrag meine ADAC Versicherungen in die App zu importieren. Getsafe wird sich mit dem Maklermandat an den ADAC wenden und die Herausgabe meiner Vertragsinformationen anfordern. Der ADAC ist dazu verpflichtet dies zu tun. Das Maklermandat kann allerdings noch mehr. Getsafe ist rein theoretisch in der Lage in meinen Namen Versicherungen (hier noch „nur“ beim ADAC)  zu ändern und zu kündigen. Davon ist hier allerdings nicht die Rede – würde aber benötigt, wenn ich zum Beispiel einer Empfehlung der beworbenen Experten folgen will. Da der Kunde diese Macht in der Regel wohl kaum einem Dritten zugestehen wollen würde, nutzen viele etablierte Finanz- und Versicherungsvertriebe das Modell des Generalvertreters. Der hat quasi eine „read only“ Stellung, kann Informationen einsehen, aber nicht im Namen des Kunden handeln.

Was ebenfalls passiert ist, das die bestehende „Makler/Vertreterbeziehung“ durch Getsafe (oder auch Knip) überschrieben wird. Jede Versicherung lässt nur einen Mittler zu und hier gilt quasi das Fifo Prinzip. Der eingetragene Makler erhält eine Bestandsprovision für die Versicherung und ist ferner mein alleiniger Ansprechpartner.

Wenn ich also eine Versicherung bei Knip oder Getsafe „importiere“ wird der alte Makler/Mittler ausgeschlossen, Knip und Getsafe erhalten die Provision und werden zu meinem alleinigen Ansprechpartner. Auch zum Beispiel im Falle eines Schadens. Das geht meiner Ansicht nach nicht ausreichend aus den Dokumentationen hervor und wird nicht klar gemacht. Und das ist meiner Meinung nach sehr relevant. Denn bei einem simplen Schadensfall in sagen wir, meiner Fahrrad-Diebstahlsversicherung, mag das noch eine Lapalie sein. Der Verlust ist vielleicht einige, wenige tausend Euro hoch. Nehmen wir aber mal an, es gibt einen Schadensfall in einer Lebensversicherung oder einer Berufsunfähigkeitsversicherung, sieht der Fall schon ganz anders aus. Auch wenn viele Berater einen schlechte Ruf haben, so kennen sie dennoch in der Regel ihre Mandanten persönlich und auch die Lebensverhältnisse Ihrer Kunden. Das kann eine wichtige Rolle spielen.

Diese Intransparenz ist bei einem Produkt das maßgeblich auf Vertrauen aufbaut, das mit Geld und Leistungen zu tun hat, tödlich. Das Web ist voll von Stimmen enttäuschter Nutzer und scheinbar sind Knip und Getsafe darauf auch vorbereitet. Auf meine Kündigung wurde bei Knip recht schnell reagiert und ohne jeden weiteren Kommentar alles gelöscht. Kann man auch anders handhaben – spricht aber dennoch eine klare Sprache, nämlich, das es hier schon Ärger gegeben hat.

Ich finde es schade, das nicht mehr hinter den beiden Anwendungen steckt. Dennoch denke ich, das es gute Wegweiser in den Insuretech-Bereich sind. Die Digitalisierung der Versicherungsbranche wird massive Vorteile für den Verbraucher mit sich bringen und wie im Fintech-Bereich, wird hier ein riesen Kuchen neu verteilt.

Vertrauen und Zuverlässigkeit sind allerdings unerlässlich.

 

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8 Comments

Claas Voigt
Danke für Deinen Beitrag und die tiefe Analyse. Die erspart mir Zeit und Ärger. Ich hätte die beinahe auch beide "mal so" ausprobiert.
Klaus
Das ist ja alles schön aufgedröselt, aber eine Hilfe wie man da evtl. wieder raus kommt und die Verträge wieder zum Makler seines Vertrauens zurück holt wäre auch schön!
    Sven Ivo Brinck
    Meine Erfahrung: die "App" schriftlich kündigen und der Übertragung widersprechen. Der Übertrag selbst dauert auch meist sehr lange und wenn man vorher reagiert, passiert nichts. Sollte es zu spät sein: mit dem Agenten der Herzen sprechen und ihn bitten sich darum zu kümmern. Das Gros der Verbraucher hat wohl den Wunsch nach einem digitalen Ordner - das verstehen auch alle Versicherungen und ihre Mitarbeiter. Am Rande bemerkt: da wird es in den kommenden Monaten und Jahren sicherlich auch viele Angebote der Gesellschaften direkt geben.
Versicherungs-App
Genau richtig analysiert. Leider merken die Mandanten teilweise gar nicht, was sie da getan haben. Für alle interessierten Makler mal ein Tipp: https://Prio-App.de. Das ist endlich mal eine App, die mit anstatt gegen uns arbeitet.
    Sven Ivo Brinck
    Danke für den Hinweis, den ich hier gerne zulasse, auch wenn er werblich wirkt. Meiner Meinung nach liegt der "richtige" Weg allerdings eher wo anders: Bei Agenten, die für eine Gesellschaft tätig sind, muss die Digitalisierung durch die Gesellschaft stattfinden. Bei Agenten die für Mehrproduktvertriebe tätig sind, sollte die Dachmarke aktiv werden. In allen Fällen wäre ein einheitlicher Standard zum Dokumentenaustausch hilfreich, da ansonsten dem Kunden schnell zugemutet wird, etliche Apps/Anwendungen betreiben zu müssen - das will kein Verbraucher und dient auch nicht der Sache. Dennoch ein spannender Ansatz.
      Versicherungs-App
      Vielen Dank für diesen Hinweis Hr Brinck. Wir werden uns dazu eine einfache Lösung einfallen lassen. Versprochen.
MV
"Auf meine Kündigung wurde bei Knip recht schnell reagiert und ohne jeden weiteren Kommentar alles gelöscht. Kann man auch anders handhaben – spricht aber dennoch eine klare Sprache, nämlich, das es hier schon Ärger gegeben hat." - wie bitte? Die Tatsache, dass ein Unternehmen eine Kündigung anstandslos akzeptiert und ausführt wird als negatives Zeichen vernommen?
    Sven Ivo Brinck
    Die Kündigung anzunehmen ist natürlich nicht negativ, sondern "zwingend" aber dennoch "gut". Anders handhabbar wäre der Umgang mit einer Kündigung: Kommentarlos alles abzubrechen ist weder "freundlich" gegenüber dem Verbraucher, noch liefert es dem Unternehmen Informationen über die Beweggründe. Von daher ist es in jede Richtung lediglich eine Minimalleistung. Ich hatte in meinem Kündigungstext bewusst "Anknüpfungspunkte" hinterlassen und Fragen gestellt. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, den Ball aufzunehmen.

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