Periscope – der TV und Youtube Killer ist da

Periscope – der TV und Youtube Killer ist da

  • On 17. November 2015
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Anfang 2015 kaufte Twitter eine App (samt Entwicklerfirma) namens Periscope. Seit Mai 2015 ist die App für iOS und Android verfügbar. Meiner Einschätzung nach kann Periscope ein echter Killer für Youtube sein und für den Medienkonsum in Gänze.

Wie funktioniert Periscope? In einem Wort: simpel. App installieren. Starten. Zu Beginn kann man Verknüpfungen zu Twitter nutzen um sich die Inhalte besser vorselektieren zu lassen. Da ich bei Twitter nicht so aktiv bin, hat Periscope mich erst mal in meine Heimatregion geschickt. Auf einer Landkarte bekommt man die verfügbaren Sendeangebote angezeigt. Fabrlich unterschieden nach „gerade aktiv“ und „gebuffert“. Wenn man ein inaktives, also gebuffertes Angebot auswählt, kann man sich eine Konserve anschauen. Spannend sind die „aktiven“ Angebote. Hier wird man im Grunde auf ein Endgerät einer anderen Person aufgeschaltet, der als broadcaster fungiert (ein Beispiel vom Stern). Der broadcaster ist im Grunde ein „Kameramann“ und man kann zuschauen, was diese Person mit ihrem Smartphone „filmt“. Sofern das Angebot nicht überlaufen ist, können alle Zuschauer mit dem Broadcaster interagieren. Man kann „likes“ abgeben und kann im Chat Textnachrichten absetzen. Sind zu viele User im Stream, ist diese Funktion nur einer kleineren Menge an Usern vorbehalten. Ich hatte den Eindruck das Limit war bei etwa 100 gleichzeitigen Zuschauern.

Bereits jetzt sind weit über 1 Million Nutzer aktiv – die Wachstumsdynamik nimmt angeblich dramatisch zu. So kann man wohl davon ausgehen, das binnen weniger Wochen zwei- bis dreistelligen Millionen Nutzerzahlen erreicht werden. Die Qualität – sowohl inhaltlich als auch technich – der Streams ist in der Regel nicht hoch. Dennoch hat das Ganze einen sehr hohen Reiz. Es wirkt einfach authentisch. Nein – es IST authentisch. Das hat zumindest mich auf einer anderen Ebene als professionelles TV abgeholt. Ich habe Periscope wenige Stunde vor den schrecklichen Ereignissen am 13.11 in Paris installiert. Als ich Abends im TV von den Vorgängen erfahren habe, habe ich Periscope genutzt um mich auf Broadcaster in Paris aufzuschalten. Es waren „nur“ etwa 10 Sender verfügbar. Diese haben teilweise aber Zuschauer im mittleren fünfstelligen Bereich gehabt. Einer schien beruflich Kameramann zu sein und hat eine auf mich sehr gut wirkende Moderation geliefert. Ich hatte das Gefühl vor Ort zu sein. Das war sehr beklemmend – auch wenn keine dramatischen Bilder zu sehen waren. Es hat sich emotional sehr nah angefühlt. Zeitgleich lief bei der ARD das vielfach kritisierte Zwischenprogramm mit den Fußballmoderatoren aus dem Stadion. Ich muss zugeben, das der Informationsgehalt der Periscopestreams besser war.

Bei diesem schlimmen Ereignis in Paris habe ich sehr deutlich gemerkt, welche Vorzüge die Anwendung hat. Ich kann mir sehr gut vorstellen, das der gleiche Effekt bei allen Situationen mit hoher Relevanz für größere Personengruppen besteht. Ein paar Beispiele: Massenveranstaltungen im Sport oder Unterhaltungsbereich, Massenkundgebungen, Demonstrationen, Katastrophen aller Art.

Um mich nach dem Konsum der Streams aus Paris wieder zu beruhigen, habe ich mir noch ein paar trivialere Sachen angeschaut. Teenager die vor dem Handy rumblödeln; jemand hatte sein Smartphone scheinbar einfach auf das Armaturenbrett seines Autos gelegt und fuhr durch Berlin; persönliche Stellungnahmen zu diesem und jenem. Auch hier war vieles wirklich „sticky“ und hat mich zum Zuschauen bewegt. Die Zeit ging sehr schnell rum. Technisch scheint Periscope noch nicht dem Ansturm komplett gewachsen zu sein. Die Streams reißen teilweise ab, laggen oftmals stark, die Bildqualität schwankt – was letztlich auch alles mit dem broadcaster zu tun haben kann. In jedem Fall wird es technisch lösbar sein.

Ich hatte Eingangs gesagt, das Periscope meiner Ansicht nach ein Killer für Youtube und TV im Allgemeinen sein kann. Um das nachzuempfinden empfehle ich die App auszuprobieren. Nur so kann man das involvement spüren. In jedem Fall ist Periscope einfach sehr nah am Geschehen, schneller, echter als klassisches TV und auch als Youtube. Für den Bezug zeitkritischer Inhalte sehe ich hier ganz klar eine Dominanz der Idee. Ähnlich Youtube kann ich mir gut vorstellen, das sich in einer Parallelkultur neue Formate entwickeln und neue „Idole“ entstehen. So wie es heute auf Youtube auch Stars (meistens der Jugendkultur) gibt, die im klassischen TV nicht zu sehen sind, wird dies auch auf Periscope stattfinden. Periscope ist „mobile first“ und ganz klar an die Generation Z und nachfolgend gerichtet. Das durchschnittliche Nutzerprofil ist sehr jung. In den kommenden Jahren wird Periscope sicherlich noch von den traditionellen Broadcastern belächelt werden. Das Konzept wird sich aber sicherlich durchsetzen – sei es nun diese App oder eine andere – und massiv Reichweite bei den übrigen Ansätzen absaugen. Und wenn es um Broadcasting geht, verbindet sich Reichweite immer auch Monetarisierung. Am Rande bemerkt ist es smart von Twitter, das Konzept in eine eigene App auszulagern.

Randnotiz: Mit Meerkat gibt es seit einiger Zeit auch schon einen Wettbewerber zu Periscope. Es werden sicherlich noch weitere hinzukommen. Und natürlich gibt es bei solchen Livestreamapps ein echtes Thema mit Urheberrechten und Co. Die FIFA wird sich bestimmt schon freuen bei der nächsten WM fette Abmahnungen an Livestreambroadcaster zu senden. Dazu aber späzter mal mehr.

 

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