Medien sind die vierte Gewalt – wieso Facebook der AfD nutzt

Medien sind die vierte Gewalt – wieso Facebook der AfD nutzt

  • On 16. November 2016
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Ohne sonstige Wertung für das Ergebnis an sich, ist ein positiver Aspekt der Wahl von Donald Trump in den USA sicherlich die neue Diskussion über die Rolle der Medien in Meinungsbildungsprozessen – wie zum Beispiel zu einer Wahl. Da bis direkt vor der Wahl in den USA mehrheitlich von einem Sieg von Clinton ausgegangen wurde, stellte sich im Nachgang die Frage, wie es zu dieser Fehleinschätzung gekommen ist. Zum anderen war der Wahlkampf geprägt von demagogischer und schmutziger Kommunikation über alle Medien – inklusive sozialer Netzwerke wie Facebook und Co.

Aus Print, Radio und TV ist das Thema „schmutziger Wahlkampf“ schon lange bekannt. Eine streng objektive Berichterstattung ist vermutlich schwer, wenn auch zumindest teilweise angestrebt. Es gibt aber auch Medienanbieter, die sich eindeutig positionieren und so den Nachrichtenfluss so gestalten, das der gewünschte Kandidat gefördert wird, der ungewünschte abgesraft und diskreditiert. Das Internet ist zum einen eine Verlängerung der Kommunikationsreichtweite dieser Medienanbieter gewesen. Soziale Netzwerke, wie vor allem Facebook, haben sich in den letzten zehn Jahren  zu einer eigenen Mediengattung entwickelt und haben mit Sicherheit bei der Wahl Clinton vs Trump das TV als stärksten Influencer ersetzt.

Das bedeutet vor allem zwei Dinge:

  • Der Kandidat mit dem besseren social Media Konzept hat klare Vorteile: Im wirtschaftlichen Umfeld predigen wir immer wieder, das social networks anders funktionieren als die klassischen Medien. Das gilt natürlich auch in der Politik. Ob ein Beitrag Relevanz erlangt unterliegt anderen Kriterien als im TV. Interaktion hat ein anderes Gewicht für den Verbraucher und findet anders statt. Die emotionale Verknüpfung des Konsumenten ist zeitgleich deutlich größer.
  • Die systemimanenten Fehler der sozialen Medien wirken sich stark aus: Dazu muss man die Funktionsweisen der sozialen Netzwerke im einzelnen kennen. Am Beispiel Facebook sei hier die „Echochamber“ genannt – „immer mehr vom gleichen“. Als Anwender bekomme ich in aller Regel immer mehr „Nachrichten“ angeboten, die zu dem passen, was ich zuvor betrachtet habe. Wenn ich also Nachrichten mit einem positiven Wording für zB Donald Trump lese, werde ich mit hoher Sicherheit immer mehr solcher Informationen eingebunden bekommen. Wie im Blogbeitrag zu den „cognitive bias“ erläutert, verstärkt das bei dem Leser den Eindruck, das diese Darstellung „richtig“ ist. Bei bestimmten Zeitgenossen löst diese Wahrnehmung den Wunsch aus, gegen andersdenkende vorzugehen und im Regelfall online ausfallend zu werden.

In den USA kam nach der Wahl der Vorwurf auf, Facebook habe durch „fake news“ den Wahlausgang beeinflusst. Mark Zuckerberg hat auf einer Konferenz hierzu Stellung bezogen. Im Grunde zieht er sich darauf zurück, das nicht Facebook auswählt, sondern ein Algorhythmus. Zum anderen sagt Zuckerberg, das es beim Anwender liegt, die erhaltenen Informationen in Kontext zu setzen und er nicht glaubt, das ein tendenziöser Newsstream eine beeinflussende Wirkung hätte. Schlußendlich argumentiert Zuckerberg, das die Echochamber so nicht existent wäre und auch eine tendentiöse Zusammenstellung durch den Algorhythmus besser wäre, als eine editoriell selektierte Berichterstattung der Medien. Insbesondere da in der Regel jeder Mensch auch Freunde „der anderen Seite“ in seinem Netzwerk hätte.

 

Die meisten Leser werden sicherlich ihre eigenen Erfahrungen mit tendentiösen Selektionen im Newsstream gehabt haben. Und wenn es Ihnen nicht bekannt vorkommt, dann vermutlich, weil es Ihnen noch nicht aufgefallen ist. Ein schönes Beispiel hat das Wall Street Journal erstellt, wo man sich einen demokratischen und einen republikanischen Newsstream ansehen kann.

Meiner Erfahrung und Meinung nach ist der Newsflow in Facebook eindeutig tendentiös, was ich hier bereits auch erläutert hatte. Wenn Sie sich bewusst ein Thema aussuchen und mehrfach danach in Facebook suchen und den dann angebotenen Content „klicken“, werden Sie feststellen, wie schnell der Algorhythmus hier nachzieht. Erschwerend kommt hinzu, das die Mehrzahl der Facebookanwender die Plattform im Grunde nicht richtig „bedienen“ können. So ist es zum Beispiel hilfreich, sich im News Feed nicht die „Top Meldungen“, sondern die „Neuen Meldungen“ anzeigen zu lassen. Wenn man hier umstellt, wird man feststellen, das der Newsfeed plötzlich ganz anders aussieht.

Dennoch finde ich es unpassend Facebook eine „Mitschuld“ an einem Wahlausgang zu geben. Wahlberechtigte Menschen haben sich informiert und eine Entscheidung getroffen. Als Ergebnis eines demokratischen Prozess ist dies zu akzeptieren – und zwar ohne Wähler zu verunglimpfen oder zu beschuldigen. Schwer vorstellbar, das solche Maßnahmen einen Veränderungsprozess auslösen könnten. Dennoch sollten wir alle uns viele Fragen zu Informationen, Medien und unserem Verhalten stellen. Ein paar Fragen, die mir im Kopf präsent sind, wären:

    • Wer produziert unsere Medien und wie objektiv sind diese Inhalte?
    • Welche Themen werden wie präsentiert, was wird nicht gezeigt, wieso ist das so?

Sind Medien nicht schon immer eine „vierte Macht“ neben Legislative, Exekutive und Judikative? Welche Rolle kommt den Medien bei jeder größeren Bewegung zu, die oftmals in Kriegen geendet haben?

Wenn man sich damit auseinander setzt gibt es sicherlich schnell etliche Ansatzpunkte, was geändert werden könnte. Alle Punkte münden aber darin, das eine Bevormundung und Regeln ansich für Medien vermutlich aber kontraproduktiv sind und einer Manipulation erneut nur einen Hebel bieten würden. Das beste Mittel scheint mir zu sein:

Aussagen von Medien zu einem Thema transparent gegenüber stellen, sodass auf einen Blick sichtbar wird, das es zu vermutlich jedem Thema mindestens zwei unterschiedliche Meinungen gibt.

Meiner Meinung nach wäre das in Deutschland ein sinnvoller Verwendungszweck für GEZ Gebühren. Da dies vermutlich nur ein frommer Wunsch bleiben wird, bleibt also das was ohnehin zu tun ist. Jeder muss an sich selber arbeiten, denn die eigentlich wirklich wichtigen Fragen sind doch:

  • Wie reflektiere ich, was ich in Medien konsumiert habe?
  • Was kann ich tun, damit ich nicht nur eine Meinung/Medium zur Kenntnis nehme, sondern mir ein differenziertes Bild mache?
  • Wie gehe ich mit gewonnen Informationen sorgsam um? Habe ich beispielsweise einen eigenen Plausibilitätscheck gemacht?
  • Was macht diese Information mit mir als Mensch? Wie sind meine Gefühle dazu?
  • Wenn ich Kinder habe: Wie kann ich meine Kinder dahingehend erziehen, das sie kompetent sind im Umgang mit Medien?

Was mir an dieser Aufstellung besonders gut gefällt ist, das es mit einem jeden selbst zu tun hat. Denn mit einem hat Mark Zuckerberg sicherlich Recht: Am Ende ist jeder von uns ein Mensch und es ist uns möglich und sollte unsere Pflicht sein, Medien nicht einfach runter zu schlingen und unreflektiert auszuspeien, sondern zu prüfen, abzuwägen und selektieren, was wir da zu uns nehmen. Bis es alle tun, können wir unsere Mitmenschen vielleicht besser dazu animieren, selber zu denken, statt ihnen „die Wahrheit“ vorzugeben. Nur ein Vorschlag, natürlich 😉

P.S.:

bildschirmfoto-2016-11-15-um-17-15-092017 wird in Deutschland gewählt. Nach OECD Studien nutzen in Deutschland tendentiell eher bildungsferne Anwender die sozialen Medien, was die Vermutung zulässt, das die sozialen Medien auch bei uns einen sehr hohen Einfluss auf den Wahlausgang haben werden. Leider kann ich nicht erkennen, das die etablierten Parteien hier sinnvolle Konzepte haben und ich bin mir nicht sicher, ob die Tragweite voll verstanden wird. Vielleicht ist die US Wahl hier ein Weckruf, denn ansonsten kann ich mir sehr gut vorstellen, das die AFD es mit Hilfe der neuen Medien auf über 20% Stimmanteile schaffen wird. Aktuelle Prognose ist hier noch 12,2% für die AfD (Quelle: Bundestagswahl-2017.com)

 

 

 

 

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