Goodgame Studios – nach dem Betriebsrat ist vor dem Betriebsrat?

Goodgame Studios – nach dem Betriebsrat ist vor dem Betriebsrat?

  • On 22. Januar 2016
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brEs gibt ja das Sprichwort, das es keine schlechte Presse gibt, sondern nur kostenlose Werbung. Wenn es danach geht, wurde auch in den letzten Tagen wieder viel Werbung für Goodgame Studios (kurz GGS) gemacht.

Mein letzter Beitrag zu dem Thema hatte mir erstaunlich viel Feedback beschert. Etliche Diskussionen im Bekanntenkreis entstanden und ein paar anonym Schreiberlinge/innen haben es sogar zu persönlichen Anwürfen geschafft. Mitarbeiter von GGS haben sich bei mir gemeldet und ihre Sicht der Dinge dargelegt – sowohl pro, als auch kontra Betriebsrat. So viel Feedback habe ich in gut 100 Beiträgen zuvor nie bekommen. Der Gipfel der Aufmerksam war dann, als mir der GGS Pressesprecher eine E-Mail zu dem Ausgang der Betriebsratswahl schickte – kenne den Mann überhaupt nicht. Dennoch vielen Dank an der Stelle – vielleicht liest er ja wieder mit.

Wobei – wie viele vermutlich schon wissen – die Betriebsratswahl ja damit ausging, das kein Betriebsrat gewählt wurde. 62,8% der anwesenden, 1.035 Mitarbeiter entschieden sich dagegen einen Betriebsrat zu installieren. Statt dessen soll es ein eigenes Gremium geben, das als Sprachrohr zwischen Unternehmensführung und Mitarbeitern agiert.

SPON hat es sich natürlich auch nicht nehmen lassen, dazu einen Artikel zu veröffentlichen. Der Artikel dreht sich rund um ein Video, das den „Chief Strategy Officer“ bei einer internen Infoveranstaltung im August 2015 zeigt. Das Video kann man sich hier anschauen. der SPON Artikel hat mich – losgelöst von allem anderen – sehr geärgert. Mit Behauptungen und inhaltlichen Verkürzungen wird hier erneut das Bild eines imperialistischen und ausbeutenden Unternehmens gezeichnet, das unwissende und zur „Schlachtbank der Ausbeutung“ geführte, junge und nicht lebenserfahrene Mitarbeiter seziert. Bei der Qualität an Journalismus braucht sich SPON nicht wundern, das die Foren voll von Trolls sind und die Server idlen.

Ein paar Beispiele:

„Eine interne Info-Veranstaltung bei Goodgame Studios (GGS) im August: Maximilian Schneider, der „Chief Strategy Officer“ von Deutschlands größtem Computerspielehersteller, stellt sich den Fragen seiner Angestellten. Die Stimmung ist schlecht.“
Ich sehe in dem Video keine schlechte Stimmung. Eine innerbetriebliche Infoveranstaltung ist kein Kinoabend. Natürlich ist die Athmosphäre eine andere, als wenn man mit nett mit Freunden zusammen sitzt. Ich habe jedenfalls schon ähnliche Termine erlebt, bei denen die Stimmung wirklich spürbar angespannt war – das „fühlt“ sich dann anders an.
Nächstes:
„Als die Sprache auf den Betriebsrat kommt, den einige Goodgamer durchsetzen wollen, antwortet Chefstratege Schneider mit einer Tirade gegen das „veraltete Instrument“ der Mitbestimmung, das in der modernen Goodgame-Welt keinen Platz habe. „
Der Mann in dem Video benutzt den Begriff „oldschool“. Vielleicht ist das nicht ganz ideal, den oldschool ist ein Jargonbegriff und keine eindeutige Vokabel. Dementsprechend gibt es keine klare Übersetzung. Möglich Optionen (laut Google und Leo) sind: romantisch verklärend; nostalgisch; rückblickend auf gute Zeiten; einordnend in eine andere Epoche. Jedoch nicht „veraltet“ im Sinne einer Degradierung.
Letztes Beispiel:
„Dann malt Schneider noch einen Teufel an die Wand, für den Fall, dass sie sich organisieren: „Wir müssen ein Auge auf Wirtschaftlichkeit haben“, sagt er, „damit jeder von euch nächstes Jahr noch ein Gehalt bekommt.““

Ja und? Ich bin mir sehr sicher, das es nicht das erste mal gewesen sein dürfte, das der Zusammenhang zwischen „Erfolg“ und „Jobs“ so thematisiert worden ist. Meiner Erfahrung nach ist es in New Economy Unternehmen mehr oder weniger üblich offen über diesen Themenkreis zu sprechen. Wenn kein Geld da ist, gibt es keine Gehälter – nicht sofort, aber irgendwann. End of story. Das mag manch einer nicht hören wollen, aber so ist es halt nun mal. Ich habe es so kennen gelernt, das offen über schwierige Situationen gesprochen wird und habe das sehr schätzen gelernt. Am Rande bemerkt: Wenn kein Geld mehr da ist, schwingt auch ein Betriebsrat (meistens?) in diese Tonalität ein.

Richtig ist wohl, das GGS einige Fehler im letzten Jahr gemacht hat, die darin gipfelten fast 30 Personen – aus mehr oder weniger nichtigen Gründen (?) – aus dem Unternehmen zu werfen. Erfahrungsgemäß wird das teuer werden und ich wünsche den Betroffenen das sie es nicht persönlich nehmen und schnell eine gute, neue Aufgabe finden. Ansonsten finde ich es aber auch in Ordnung, wenn ein Unternehmen etwas dagegen hat, das ein Betriebsrat gegründet werden soll. Formal besteht ein Anrecht hierzu und das Unternehmen darf Initiativen dahin gehend nicht blockieren. Es darf aber sehr wohl Alternativen anbieten, was GGS hier getan hat und was von der Mehrheit der Mitarbeiter angenommen wurde. Wobei die „knappe“ Mehrheit schon zeigt, das Handlungsbedarf besteht und das ein „Feelgoodmanager“ dieses Vakuum nicht sinnvoll füllen kann.

Um noch mal auf den Spiegel zurück zu kommen: Es ist unsachlich, falsch und meiner Meinung nach verwerflich, als Medium in einem solchen Konflikt einseitig Partei zu ergreifen. Letztlich wird damit auch nicht der Wahl eines Betriebsrates geholfen, denn ich bin nicht der Einzige der die Berichterstattung des Spiegel in dieser Sache für stark gefärbt erachtet. Ferner zeigt die Berichterstattung sehr deutlich, das zumindest Redakteure der Artilel über GGS beim Spiegel die Gamesindustrie nicht verstanden haben – vermutlich auch nicht die „New Economy“. Art und Weise der Zusammenarbeit, Arbeitsmodelle und vieles mehr sind tatsächlich anders, als dies bei etablierten Unternehmen mit klar definierten Prozessen der Fall ist. Das ist ein Raum in dem sicherlich auch Ungerechtigkeiten gedeihen. Es ist aber auch ein Raum in dem sich Talente anders entwickeln können und Unternehmen eine andere Dynamik aufbauen können. Es mutet bigott an, auf der einen Seite Angst vor Google, Amazon, Facebook, Apple (GAFA) zu haben und die Trägheit der europäischen Medienszene zu beklagen und auf der anderen Seite Andersartigkeit bei solchen Unternehmen stumpf nieder zu schreiben – auch wenn es zu Fehlern gekommen ist.

Zum Abschuß: Ich verstehe den Wunsch nach einem Sprachrohr und „Schutz“. Allerdings muss man klar feststellen, das ein Betriebsrat das nicht zwingend bedeutet. Es wird abertausende von Unternehmen mit Betriebsrat geben, die schlechte Arbeitbedingungen haben und wo der Betriebsrat exakt nicht das schafft, was sich das Gros der Miarbeiter erwartet. Wir haben eben nicht mehr 1900, wo die Beschäftigten Schutz vor den Industriellen benötigen und es darum geht „nur noch“ 48 Stunden die Woche zu arbeiten. Gerade in jungen Unternehmen ist das stärkste Instrument dein Fuß – mit dem kannst Du aus Deinem Büro herausgehen und etwas anderes machen.

 

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/goodgame-betriebsrat-wird-vom-management-bekaempft-a-1072512.html

 

http://www.spiegel.de/video/video-1642561.html

 

 

 

1 Comments

Robert
Ich fand die über 60%, die gegen den BR gestimmt haben schon recht hoch, da ich denke, dass es viele gibt, die nur aus Kollegialität mit 'ja' gestimmt haben. Wenn die Stimmung insgesamt wirklich so schlecht wäre, wie vielfach behauptet, hätte sich ein anderes Bild ergeben. Ich halte es auch für nicht sehr wahrscheinlich, dass sich bei einer geheimen Wahl, jemand nicht getraut hat entsprechend seinen Vorstellungen zu stimmen.

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