Goodgame Studio Skandal: Patriarchen in Jeans vs anachronistische Betriebsräte

Goodgame Studio Skandal: Patriarchen in Jeans vs anachronistische Betriebsräte

  • On 21. Dezember 2015
  • 2 Comments

Die Tage hatte das Abendblatt berichtet (leider hinter der Paywall), das der Streit um einen möglichen Betriebsrat in eine neue Runde gegangen ist. Zur Erinnerung: Goodgame wird vorgeworfen 28 Mitarbeiter freigesetzt zu haben, weil diese entweder einen Betriebsrat gründen wollten oder zu „aufrührerisch“ waren.

Nun wirft Verdi Goodgame vor, das auch nach der Freisetzung der Personen die Wahl eines Betriebsrates behindert wird. Einladungen der Gewerkschaft sollen nicht weitergegeben worden sein, eine Meetingmöglichkeit für die etwa 1.200 Personen steht wohl erst zum 19. Januar 2016 bereit. Dies betrachtet Verdi als Hinhaltetaktik. Das Goodgame-Management soll sich negativ über die Anwürfe der Medien und die Einflußnahme der Gewerkschaft geäußert haben und angeblich zum Zusammenhalt aufgerufen haben.

Meine Frage wäre: Wo ist das Popcorn? Es verspricht eine spannende Auseinandersetzung zu werden/bleiben, wenn sich die Widersacher nicht besser einspielen. Egal was wirklich gesagt wurde und ob Goodgame einen ausreichend großen Meetingort schneller bereit stellen kann oder nicht: Das Ding dürfte wohl gelaufen sein. Im jetzigen Zustand kann man, wenn man möchte, einen Betriebsrat nicht mehr verhindern.

Darum geht es in der medialen Berichterstattung aber schon lange nicht mehr. Hier geht es um „New Economy“ vs. Gewerkschaften. So weist Frau Weinrich-Borg von Verdi zum Beispiel darauf hin, das in der gesamten Hamburger Gamesbranche lediglich Bigpoint einen Betriebsrat habe:“ Die Leute kommen direkt nach dem Abitur oder dem Studium in die Firmen und haben wenig Erfahrung mit der Frage, wie sie ihre Rechte durchsetzen können.“ Ferner wird argumentiert, das die jungen Mitarbeiter sich von flachen Hierachien blenden lassen und denken der Chef wäre automatisch nett, weil er Jeans trägt und im gleichen Großraumbüro sitzt. Das würde beruhigend auch auf rebellische Gemüter wirken.
Weiter: Auch bei XING habe sich das Management gegen einen Betriebsrat gestellt und eine alternative Form der Mitarbeitervertretung gegründet. Frau Weinrich-Borg verkürzt diese Entwicklung dahingehend, das XING gesagt haben solle, ein Betriebsrat wäre „oldfashioned“. Sie sagt dem Abendblatt:“ Nur durch einen echten Betriebsrat können alle einklagbaren Rechte und der Informationsfluss für die Belegschaft gewährleistet werden“, sagt Weinrich-Borg. „Gerade in einer jungen Branche muss den Beschäftigten klar sein, dass sie ohne die Wahl eines Betriebsrates darauf verzichten, bei wichtigen Anliegen wie Arbeitszeiten oder Kündigungen ein Wörtchen mitzureden“.
In meiner Zeit bei freenet.de habe ich selber miterlebt wie Verdi versucht hat die Gründung eines Betriebsrates zu initiieren oder zumindest massiv zu fördern. Bei damals knapp 200 Beschäftigten hatte sich wohl eine Person bei Verdi gemeldet. Die Gewerkschaft nahm dies zum Anlass mit einer eigens eingerichteten Seite die Mitarbeiter anzusprechen. Es gab E-Mails in denen die Rede war von Arbeitsplatzverlust und Ausbeutung. Dabei: Es ging dem Unternehmen gut. Es gab keinen Grund davon auszugehen, das jemand „nur so“ seinen Arbeitsplatz verlieren würde. Am Ende wurde (damals noch) kein Betriebsrat gewählt. Ich habe es so erlebt, das sich die Mehrzahl der Mitarbeiter bewusst gegen einen Betriebsrat entschieden hat. Sicherlich hat das Management damals auf diese Entscheidung hingewirkt. Dennoch haben volljährige Menschen diese Entscheidung am Ende gefällt. Viele vermutlich auch sehr bewusst. So habe auch ich mich damals bewusst gegen einen Betriebsrat entschieden.
Mein Vater war so lange ich mich erinnern kann in der Gewerkschaft aktiv (GHK) und mehrfach auch im Betriebsrat seines Arbeitgebers. Ich habe die Gewerkschaft dabei immer als „kontraproduktiv“ erlebt. Vor allem hat mich die Denkweise gestört, das es „die da oben“ und „uns hier unten“ gibt. Sicherlich gibt es negative Beispiele von Unternehmern. Dennoch bin ich der Ansicht, das die Mehrzahl der Unternehmer viel leistet für seine Mitarbeiter. Und wenn es „nur“ die Bereitstellung eines Arbeitsplatzes ist. Wir haben nicht mehr 1850 – jeder ist theoretisch und praktisch in der Lage seinen Arbeitsplatz zu wechseln oder gar selber Unternehmer zu werden.
Nun sind Gewerkschaften in 2015 sicherlich auch nicht mehr das, was die GHK in 1990 war. Allerdings haben Gewerkschaften einen unmittelbaren Mitbestimmungs- und Informationsanspruch. Es gibt konkrete Veränderungen und Handlungsbeschneidungen bei so relevanten Aspekten wie dem Arbeitsrecht – und das betrifft eben auch nicht nur Kündigungen. Und ist es wirklich immer fair, das in einer betrieblich relevanten Situation der zuerst geht, der die wenigsten Sozialpunkte hat, statt dem, der den geringsten Beitrag leisten kann? Oder das im Zweifel der eingestellt werden muss, der oftmals veralteten Vorgaben entspricht, statt dem, der die beste Qualifikation bietet? Hilft das dem Unternehmen und dauerhaft allen „übrigen“ oder gefährdet es eher, weil auf Dauer auch Leistungen unterhalb des Mittelmaß ausreichend sind? Ist eine Kündigung wegen schlechter Leistung wirklich immer „schlecht“ und muss verhindert werden?
Ich finde ferner, das die Anwürfe von Weinrich-Borg zeigen, das die Gewerkschaft die New Economy nicht verstanden hat. Es gibt in diesem Bereich deutlich weniger Gewerkschaften. Das hat aber weniger mit der geringen Erfahrung der Mitarbeiter zu tun, als mit dem hohen Bildungsstand und einem anderen Arbeitsverständnis. Menschen erwarten nicht mehr ihr ganzes Leben in einem Unternehmen tätig zu sein. Sie sind gut qualifiziert und suchen sich einen anderen Arbeitgeber, wenn ihnen der aktuelle nicht passt. Wenn ich nicht korrekt behandelt werde, kann ich mich vielfältig informieren (auch online) und gehe im Notfall zum Anwalt, der meine Bedürfnisse vertreten kann. Es ist kein Ergebnis mangelnder Lebenserfahrung oder von Repressionen das es in der New Economy – und hier auch in der Gamesbranche – so wenig Betriebsräte gibt. Es ist das Ergebnis von Emanzipation, Verantwortungsübernahme und unternehmerischer Denkweise.
Dennoch soll das hier kein Votum gegen Gewerkschaften und Betriebsräte sein. Es ist gut, wenn es einen Gegenpol zum Management gibt. Dort, wo das nicht von alleine funktionieren (kann), bedarf es einer gesicherten Möglichkeit der Forumsbildung. Das Modell des Betriebsrates hat sich da natürlich insofern etabliert und auch bewährt. Allerdings erscheint es mir so, das diese Modell dringend einer Modernisierung bedarf, angepasst an die Arbeitswelt der heutigen Zeit, mit der Möglichkeit sich der Zukunft besser anzupassen. Dann würde vielleicht auch der Widerstand auf Arbeitgeberseite geringer ausfallen.

 

2 Comments

Ralan
Wer seine Kunden nicht verlieren möchte muss so argumentieren wie Sie.
    admin
    Ich schätze meine Kunden lesen das nicht. Aber sei es drum. Was sind denn Ihre Argumente? Und was meinen Sie genau mit Ihrer Aussage?

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