Die free2play (freemium) Heuchelei

Die free2play (freemium) Heuchelei

  • On 6. September 2013
  • 3 Comments

Eine Zeit lang habe ich aktiv Computerspiele mit entwickelt – momentan betrachte ich die Branche eher von der Trainerbank aus als Gesellschafter. Durch diese Erfahrung kenne ich viele Menschen die Computerspiele entwickeln, darüber schreiben, verkaufen etc. Innerhalb dieser Menschen, aber auch in den Medien, findet momentan eine aus meiner Sicht recht absurde Hetzjagd statt.

Gejagt wird „free2play“, oder auch free-to-play oder freemium (In a nutshell: Das Spiel ist kostenlos, aber während des Spielverlaufs hat der Spieler die Möglichkeit Items oder Credits für Echtgeld zu kaufen. Diese helfen dem Spieler einfacher Ziele zu erreichen, oder besser zu werden, also mehr Erfolg zu haben. Alternativ ermöglichen die Credits überhaupt die Fortführung des Spiels und finally kann der Spieler sich „aufhübschen“ und zum Beispiel einen virtuellen Character neu einkleiden) als Geschäftsmodell. Die Aussage ist gerne, das free2play unethisch wäre und sich als Abzockerprodukt darum bemüht Dumme, Kinder und/oder andere vermeintlich Schwache auszunehmen – wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans.

Hier ein paar Beispiele für solche Aussagen:

SpiegelOnline vom 20.05.2013: Für eine Handvoll Donuts

PC Welt vom 16.12.2012: Online Games – zwischen Sucht und Abzocke

Stern.de/TV: Wie Kinder über Online Spiele abgezockt werden

Wer Zeit und Muße hat, kann sich die ja mal durchlesen. Im Grundtenor kann man es aber so zusammenfassen: Die Autoren behaupten in etwa, das free2play Spiele den Spielern Geld abzocken, in dem:

– Kinder und in Ihrer Entscheidung schwacher Personen mit der Versprechung eines kostenlosen Spiels angelockt werden
– Im Spiel selbst werden die betreffenden Personen dann mit bösartiger und teil verwirrender Werbung konfrontiert und sollen sich teure Items, PowerUps etc. kaufen
– Zahlmethoden die Alterssperren umgehen können von vor allen Dingen Kindern genutzt werden um mit dem Handy der Eltern oder ihrem Taschengeld, oder, oder sich bis zur Halskrause in den Konsum von virtuellen Items zu stürzen
– Dann gibt es immer die Extrembeispiele, in denen Person X so und so viel hunderte oder gar tausende von Euro ausgegeben hat und nun alles ganz schrecklich ist und die böse Spielefirma das Geld nicht mehr rausrückt

Und als sei die mediale Hetze nicht genug, setzen sich dann die Veraucherverbände auf das Thema und versuchen gerichtlich einen Schutz für Kinder zu erwirken. Dabei kommt dann raus, das der BGH zum Beispiel gewissen Formen von Werbung in free2play Spielen untersagt. Natürlich schön schwammig, damit auch niemand genau weiß was gemacht werden darf und was nicht.

Ich kann einfach nur sagen, das ich das alles nicht nachvollziehen kann. Als es nur Box-Spiele gab, hat jeder den gleichen Preis für ein neues Spiel gezahlt. Unabhängig davon ob das Spiel gut oder schlecht war und ob er es viel oder wenig gespielt hat. Die in der Regel 50 DM, später 50 Euro, waren weg. Wenn´s einem nicht gefallen hat, hat man das erst zu Hause gemerkt. Außerdem war Spielen eine Freakshow, die nur Jugendliche und „Sonderlinge“ gemacht haben.

Free2play hat Spielen aus der dunken Nerdecke ins helle Licht der Allgemeinheit geholt. Das Prinzip ist generell erst mal 100% transparent und fair. Nämlich: Das Spiel ist kostenlos, probier es aus. Wenn es Dir Spaß macht kannst Du Geld ausgeben und – natürlich – wird ein Wirtschaftsunternehmen versuchen das Geld ausgeben dem Konsumenten so einfach wie möglich zu machen. Fair finde ich das deshalb, weil in der Regel wohl nur der Geld im Spiel ausgibt, der das Spiel gut findet. Je mehr ich spiele, desto mehr tendiere ich dazu Geld auszugeben. Auch irgendwie fair. Wenn ich zum Beispiel mehr Taxi fahre oder mehr Kinofilme schaue, zahle ich ja auch mehr. Dennoch bin ich nicht gezwungen das bei free2play zu tun – die Wahrscheinlichkeit steigt aber an.

Ein wohl irgendwie auch deutsches Problem ist ein Mißverständnis, das free2play gleichbedeutend damit ist, das ich NIE IN  MEINEM GANZEN LEBEN auch nur einen einzigen Cent dafür bezahlen muss. Ich weiß noch, wie mir immer die Galle hochgekommen ist, wenn ein großer Teil der Spieler einfach davon ausgeht, tolle Spiele zu bekommen, guten Kundenservice, 100% Verfügbarkeit und noch einiges mehr und immer alles kostenlos. Wo ist das logische Problem zwischen ein Produkt gut finden und nutzen wollen und Geld dafür zahlen? Letztlich muss ich es bei free2play nicht, aber ich habe dann als Konsument keinen angeborenen Anspruch darauf, das ich auch noch 100% Spielspaß kostenlos mit geliefert bekomme.

Diese Spiele sind in der Regel auf einen weltweiten Markt ausgelegt. Da komme ich mit der EC Karte und Kreditkarte natürlich nicht alleine weiter. Also gibt es auch Paysafecard, mopay und andere Zahlungssysteme. Es stimmt – diese können auch von Kindern genutzt werden. Wenn der kleine Tom nun 50 Euro vom Jeanssparkonto abhebt und damit eine Paysafecard an der Tanke kauft und sich Items in einem free2play Spiel holt, ist das ärgerlich. Der Spieleanbieter tut auf Dauer sicherlich gut daran, Schutzmechanismen einzuziehen, die sowas verhindern. Auch wenn die damit „beschützten“ es zum Kotzen finden werden und sich massiv beschweren werden und seine Facebook Pinwand vollspammen werden. Aber scheinbar ist es dennoch nötig, weil Eltern nicht in der Lage sind, die Mediennutzung Ihrer Kinder zu beobachten. Ist ja nicht so, der kleine Tom das Geld in wenigen Minuten am PC verdonnert. Da wird es etliche Stunden gesessen haben. Für die Eltern hat Tom vermutlich vor „der Kiste gehockt“ und damit dann Klappe und Ende. Ich behaupte mal, das früher etwas anders. Als ich 14 Jahre alt war habe ich meine Stereoanlage heimlich verkauft und das gesamte Geld in die nächstgelegene Spielhalle geschleppt um Moon Patrol zu spielen. Das ist natürlich recht schnell aufgeflogen. Die 150 DM waren seiner Zeit aber dennoch in dem Automaten gelandet – komischer Weise habe aber ich den Ärger bekommen und nicht Atari, weil die ein gutes Spiel gemacht haben.

So viel „Gerechtigkeit“ würde ich mir auch wünschen. Wohl wissend, das es echt meise free2play Titel gibt, die wirklich einfach abkassieren wollen. So wie es eben auch in allen anderen Bereichen des Lebens „miese Typen“ gibt. Aber free2play ist ja auch noch mehr – nämlich Wirtschaft. Wenn wir in Deutschland free2play unterbinden, unterbinden wir auch einen Teil der Computerspieleindustrie – die ja auch ein Teil vom „Neuland“ ist. Daran und an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen sollte vielleicht auch mal gedacht werden.

 

3 Comments

Astralbert Krasowski
Ich kann nachvollziehen, dass man die "Hetze" gegen freemium (nicht free2play an sich, da free2play nicht zwingend irgendeine Form der Bezahlung beinhaltet) übertrieben findet. Ist sie wahrscheinlich auch. Und natürlich kann man als einigermaßen klar denkender Mensch nicht erwarten, ein tolles Spiel für 0 Euro angeboten zu kriegen. Das heißt aber nicht, dass freemium ohne Einschränkung eine tolle Idee ist. Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, warum ich auf freemium oft (nicht immer) allergisch reagiere: 1. Die Marketing-Kniffe, die benutzt werden, um Leuten nicht nur das Bezahlen so einfach wie möglich zu machen (was ja in Ordnung wäre), sondern um sie dazu zu bringen, zu zahlen, obwohl sie das vielleicht nüchtern betrachtet nicht machen müssen / wollen. Zum Beispiel möglichst billige Einzelzahlungen, die sich aber dann innerhalb weniger Tage zu einem Gesamtbetrag summieren, der jenseits des Neupreises eines Triple A Titels liegt. Oder dem Spieler das Gefühl zu geben, er habe jetzt - und nur jetzt - die tolle Gelegenheit, mit etwas Geld was ganz Tolles zu bekommen, obwohl sich hinter dem Ganzen eigentlich nur ein einfaches "tausche Echtgeld gegen Spielwährung" verbirgt. Das ist meiner Meinung nach zumindest moralisch ein wenig fragwürdig. 2. Was mich allerdings am meisten stört ist "pay2win", was zumindest im Browsergame Bereich inzwischen leider fast zum Standard gehört (obwohl ja noch Hoffnung besteht, da inzwischen hier und da pay2win wieder abgeschafft wird). Zum Einen weil ich es einfach beknackt finde, wenn man sich Spielerfolge in Multiplayer Spielen erkauft. Das nimmt dem Spiel meiner Meinung nach den Sinn. Man mag sich in Spielen, wo es mehr auf Zeitinvestition als auf individuellen Spiel "Skill" ankommt, noch drüber streiten, ob es nicht ok ist, den Leuten, die einfach weniger Zeit aber mehr Geld haben, so zu ermöglichen, noch mitzuhalten. Aber in vielen Fällen ist der Premium Content durch normales Spielen schlichtweg nicht erreichbar. Einige meiner Lieblingsspiele sind free2play mit Micro Transactions, dabei geht es dann aber in der Regel um Cosmetics und nicht um Spielvorteile, die man sich für 1-2 Euro dann kauft. Das find ich ok, sogar super, weil ich natürlich in Spielen, die ich lange spiele, dann über die Zeit auch einen Betrag an die Spielemacher zahle, der sehr viel besser meine Wertschätzung des Titels ausdrückt als einmalige 50 Euro, die ich so oder so zahlen hätte müssen. Also ja, ich verstehe, dass die "Hetze" als übertrieben angesehen wird, aber ganz unbegründet ist sie eben leider auch nicht.
    admin
    Danke für dein Feedback. Pay2win finde ich von der Theorie her auch nicht gut. Welche Spiele arbeiten denn deiner Meinung nach mit pay2win? Was die Werbung angeht ist das natürlich immer so eine Sache. Auf der einen Seite muss ich als Produktanbjeter ja Gas geben damit die Leute mein Zeugs kaufen. Auf der anderen Seite sollte Werbung nicht in die Irre führen. Psychologisch gibt es da aber ein paar Ansatzpunkte. Dennoch würde ich mir wünschen das der Verbraucher versucht sich mündig zu verhalten. Wenn diese simplen Tricks nicht Profit erwirtschaften würden, oder eben die wirklich guten Spiele erfolgreicher wären, dann würde automatisch eine Fokussierung auf Qualität statt Verpackung stattfinden.
Robert
Wichtig beim Voruteil vermeintlicher Abzocke ist ggf. auch mal einen genaueren Blick auf die Spieldauer zu werfen, die einem so ein Free2Play-Spiel bietet. Zumindest was die Singleplayer-Angebote auf Facebook angeht habe ich wie du den Eindruck, dass das ganze nüchtern und objektiv betrachtet durchaus sehr fair abläuft. Als prominentes Beispiel kann man einfach mal den aktuellen Hit Candy Crush Saga als Vergleich zu einem 50€ Konsolenspiel nehmen (wobei die Konsole selbst ja auch noch ein paar € kostet). Wenn man also mal die reine Spielzeit nimmt, nur um das Spiel direkt beim ersten Versuch vollständig zu lösen, kommt man alleine für das Durchspielen der aktuell 470 Level auf eine Spielzeit von exakt 24 Stunden. Ich habe dazu einfach die Spieldauer dieser 3 Referenz-Playlists addiert: http://www.youtube.com/playlist?list=PLDAED33752280243E http://www.youtube.com/playlist?list=PLS7anecFfC0J1ehbEryW6oRIS2pd62ogp http://www.youtube.com/playlist?list=PLS7anecFfC0JJ9sLHBU4qcRr1TOn6e6Kb Hinzu kommt am Ende aber nochmal mindestens das doppelte (oder viel eher drei- und vierfache) für alle missglückten Versuche. Wenn man ein Einzelspieler Free2Play-Spiel wie z.B. Candy Crush Saga also vollkommen ausreizt zahlt man im Idealfall keinen einzigen Cent und hat im Schnitt irgendetwas zwischen 50-100 Stunden Spielspaß. Auch wenn man z.B. "nur" die ersten 200 Level spielt. Zusätzlich hat man dabei dann auch anders als bei einem Vollpreis-Spiel für eine Konsole oder den Desktop-PC auch viele Monate etwas davon. Regelmäßige Level-Updates sind bei Free2Play oft gratis und werden nicht als Add-On für weitere 20€ im Laden oder DLC verkauft. Und jetzt der Vergleich: Bei Konsolenspielen wie Call of Duty z.B. hört man ja oft, dass diese vereinzelt schon nach 5-7 Stunden durchgespielt sind. Reichen die 50€ also wenns blöde läuft gerade mal für einen verlängerten Nachmittag. Und Vollpreisspiele (Singleplayer) mit einer Spielzeit von annähernd 50 Stunden gibt es soweit ich weiß gar keine, das Maximum fürs erstmalige Durchspielen liegt in der Regel wohl bei ca. 20 Stunden für ein Singleplayerspiel mit besonders großer Spielwelt. Bei Candy Crush Saga muss man allerdings auch explizit berücksichtigen, dass die Macher besonderen Wert darauf gelegt haben, dass das Spiel tatsächlich bis zum Ende kostenlos durchspielbar sein soll. Das ist auf Facebook erfahrungsgemäß nur bei geschätzten 40% solcher Spiele der Fall. Aber bei den restlichen 60% der Spiele sind auch immer die ersten 100-200 Level kostenlos spielbar bis man für die weiteren 100 Abschnitte dann sagen wir einfach mal 10-20€ zahlen müsste. Das ist aber dann eben unterschiedlich, je nach Anbieter. Auf jeden Fall kann man sagen, je mehr man bei fortschreitendem Spielverlauf dazu gezwungen wird zu zahlen, desto weniger erfolgreich verkauft sich auch ein Facebookspiel. Wer ein faireres Monetarisierungsmodell wie King hat, der verdient auch mehr. Wenn man bei Candy Crush Saga also z.B. trotzdem für die 10 schwersten Level einfach mal 2-3 Euro sinnvoll investiert um nicht ewig festzuhängen (immerhin: Zeit ist Geld), dann ist das Preis-/Leistungs-Verhältnis wirklich sehr fair und man kann den Entwickler eines solchen Spiel dann sogar als einzelner Durchschnittsspieler dann am Ende sehr günstig und produktiv unterstützen. Wenn man das Argument mit der langen Spielzeit aber mal irgendwelchen Spielern vor Augen hält, die grundsätzlich nicht dazu bereit sind einen Cent ausgeben zu wollen, endet das leider nicht selten in einem Shitstorm ;) Aber bei dir hier im Blog hier kann man das ja mal schön festhalten. Wieder ein sehr lesenswerter Beitrag!

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