Der Kampf gegen das Zeitungssterben: Brand Eins, Gruner und Jahr, SpiegelOnline

Der Kampf gegen das Zeitungssterben: Brand Eins, Gruner und Jahr, SpiegelOnline

  • On 12. September 2013
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Bis vor kurzem war der Axel Springer Verlag das einzige Medienunternehmen, das sich für mich erkennbar passend zu dem medialen Wandel bei journalistischen Produkten aufgestellt hat. Allerdings haben inzwischen wohl fast alle Verlage verstanden, das der Wandel von Print zu „Online“ keine Eintagsfliege mehr ist. Die Auflage aller Tageszeitungen hat in den letzten 8 Jahren um atemberaubende 25% abgenommen. Manche Titel, wie die Frankfurter Rundschau (45% & pleite), oder das Hamburger Abendblatt (35%) haben noch deutlich mehr verloren. Alle Verlage gemein haben das Problem, das die alten Erlösmodelle nur noch sehr begrenzt funktionieren. Der Werbemarkt für Printmedien hat seit 2006 um 1,3 Milliarden Euro abgenommen! Das Geld ist in anderen Medien transferiert worden. Hauptsächlich sicherlich online.

In die Diskussion, wie es für die Verlage weitergehen kann, ist einiges an Bewegung gekommen. Ich persönlich bin davon überzeugt, das gedruckte Tageszeitungen in den nächsten 20 Jahren ausgestorben sein werden. Wenn nicht sogar deutlich eher. Bei Magazinen und Büchern wird dies vermutlich später stattfinden, da die Nutzung je Einheit länger angelegt ist und der emotionale Bezug von Papier wichtiger ist. Dennoch gehe ich davon aus, das spätestens Menschen mit einem Geburtsjahr nach ~2005 keine emotionale Bindung mehr an Papier haben. Für alle übrigen, wird es neue Entwicklungen geben: Rollbare Folien die Inhalte darstellen und sich wie Papier anfühlen (Mathias Döpfner beschreibt das hier toll), integrierte Projektoren und Holografien.

Umso wichtiger also, das Verlage und Medien sich konstruktiv zu den Veränderungen aufstellen. In diesem Zusammenhang sind mir ein paar – wie ich finde – positive Beispiele aufgefallen.

Da ist zum Beispiel ein Interview mit Gabriele Fischer von der Brand Eins. Die Brand Eins ist in Summe ein tolles Magazin. Frau Fischer beschreibt in dem Interview sehr anschaulich, wie sich die Brand Eins inhaltlich von anderen Magazinen unterscheidet; ein Umstand den ich bisher immer gefühlt, aber nie bewusst verarbeitet habe. Brand Eins nutzt eine thematische Clusterung um den Leser auf eine Entdeckungsreise zu schicken und das klappt ziemlich gut. Als Resultat steigen auch die Abonnentenzahlen konstant an – in einem stark fallenden Markt. Zudem gibt Brand Eins jedem Print Käufer automatisch die digitale Version mit – etwas was oftmals als „gefährlich“ bezeichnet wird. Aber noch mehr: Brand Eins stellt sogar alle Artikel kurz nach dem Erscheinen als Printmedium kostenlos im Internet bereit. Der „Vorsprung“ für den Printkäufer gegenüber einem kostenlosen, digitalen, Leser ist also gering – aber dennoch ausreichend um inzwischen über 100.000 Abonnenten zu haben. Ein toller Erfolg, der auch klar zeigt, das Qualität sich durchsetzen kann und wohl auch wird.

Ein weiteres Beispiel ist die Fingerübung, die SpiegelOnline herausgebracht hat. Unter dem Titel „Der Abend“ stellt SpOn ein Konzept für eine Tablet/Smartphone basierte App vor, die Inhalte neu anordnen und mit digitalen Mehrwerten verbinden soll. Mir gefällt hier vor allem die Aufmachung und ich mag die Integration der digitalen Mehrwertdienste – besonders zum Beispiel thematische Abo´s, Following etc. Man darf da sicherlich auch nicht pingelig sein – SpOn spricht vom „Abend“ – aber das gleiche Format kann und sollte es wohl auch „Morgen“´s geben. Wenig überzeugend finde ich jedoch die Monetarisierungsansätze im Konzept. Da geht es vor allem um Revenue-basierte Modelle, wie einem Share auf Konzerttickets. Das finde ich etwas kraftlos. Inhaltlich etwas „cross-over“, aber dennoch meiner Ansicht nach passend, finde ich dazu einen Beitrag auf Gründerszene. Dort wird antizpiert, was Start-Ups von der Gamingindustrie lernen können im Rahmen der Anwendung von Freemium-Modellen. Der Artikel selber ist recht oberflächlich und bezieht sich auch nur auf Start-Ups – dennoch ist es zutreffend, das die Gamingindustrie wohl die meisten Erfahrungen und vor allem auch erfolgreiche Usecases mit Freemium Modellen hat – vielleicht wäre es für Verlage ja wirklich mal an der Zeit, sich der Erfahrungen und Kenntnisse aus diesem Segment zu bedienen?

Last but not least hat der Gruner+Jahr Verlag Details zu seiner Neuordnung publiziert. Die Aussagen von Julia Jäkel verstehe ich so, das G+J künftig wieder das Produkt in den Fokus stellen will und „Interessensgemeinschaften“ (Communities) bilden will, die Themen bearbeiten, anstatt dedizierter Verlage. Dazu soll App-Entwicklung in den Fokus rücken und im Bereich „Digital“ sollen mehrere hundert neue Stellen geschaffen werden. Was nicht geschrieben wird, aber implizit ist: Im Printbereich werden Stellen entfallen. Generell finde ich auch das begrüßenswert. Gerade G+J hat in den letzten Jahren ehemals erfolgreiche Titel zu Grunde gerichtet, indem diese auf Anzeigenkunden und die Einnahmen aus Anzeigen optimiert wurden. Danach wolltem aber weniger Menschen das Produkt lesen und die Einnahmen sanken letztlich. Auch den Ansatz einer „Matrixorganisation“ finde ich sinnvoll. Ob ein Fokus auf App´s optimal ist, bleibt abzuwarten. Auch hier kann die Verlagswelt meiner Ansicht nach vom Gaming lernen. Das Zauberwort ist da sicherlich eher „seemless x-plattform“ – also ohne Übergänge von einem Display (Beispielsweise Desktop PC auf der Arbeit) auf das andere (Smartphone für unterwegs) oder noch ein weiteres (Pad Computer zu Hause) wechseln zu können. Da hilft eine App naturgemäß nur bedingt, bzw. muss ich dem User beibringen, das er mehrere Apps installieren muss. Das funktioniert nur bedingt.

Ich beobachte den Niedergang der Verlagshäuser und das Zeitungssterben intensiver jetzt seit etwa einem Jahr. Für mich ist gefühlt einiges an Bewegung in die Sache gekommen. Das nicht jeder neu eingeschlagene Weg zum Ziel führt, ist in der Natur der Sache. Dennoch, oder gerade deshalb, habe ich zum ersten Mal seit einiger Zeit den Eindruck, das es auch Gewinner in der Verlagswelt geben können wird. Ich persönlich bin davon überzeugt, das eine noch stärkere Fokussierung auf das Produkt mit einer echten USP, einem starken Kern und hoher Qualität Hand in Hand mit voller Digitalisierung und der Nutzung neuer Erlösmodelle gehen müssen. Die Brand Eins macht es im Kleinen vor und von der Gamingindustrie kann die Verlagswelt sicherlich einiges lernen.

 

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