Der Einzelhandel stirbt – und versteht nicht warum

Der Einzelhandel stirbt – und versteht nicht warum

  • On 20. Januar 2016
  • 1 Comments

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht über die Probleme des klassischen Einzelhandel gesprochen und/oder geschrieben wird. Letzte Woche habe ich das hier bei n-tv gefunden. Der Deutsche Städte und Gemeindenbund befürchtet 50.000 Ladenschließungen bis Ende 2020. Um Gegenzusteuern sollen die Länder den Kommunen mehr Freiheiten bei den Öffnungszeiten geben, da Online auch 24/7 eingekauft werden könne.Die Zahl 50.000 kann passen – muss aber nicht.

Es gibt  etwa 360.000 Einzelhandelsunternehmen mit über 400.000 Standorten. Ferner gibt es ohnehin eine recht hohe, inhärente Fluktuatiom im Einzelhandel. So hat sich die Zahl der Unternehmer im Einzelhandel von 2003 – 2013 schon um etwa 50.000 reduziert. In der gleichen Zeit hat sich der eCommerce erst von 10 auf 34 Milliarden Euro entwickelt. Der gesamte Handel machte in 2014 in Summe 470 Milliarden Euro Umsatz. Rein von der Größenordnung her ist also nicht davon auszugehen, da das Wachstum auf etwa 5% im Volumen durch eCommerce zu einer Abnahme der Geschäfte um ca 12% führte. Ursächlicher scheinen hier strukturelle Veränderungen am Ladenangebot: mehr Shopping Zentren auf der grünen Wiese; mehr Hyperstores; mehr Passagen etc.

Letztlich ist das aber auch weniger relevant. Es wird in jedem Fall einen weiteren Niedergang des stationären Handel geben. Im allgemeinen Verständnis ist der Online Handel daran schuld, weil die Menschen dort immer einkaufen können und sich angeblich offline informieren und dann online einkaufen etc. Richtig ist sicherlich, das es eine Verschiebung von Offline zu Online gibt. Das wird auch nicht aufzuhalten sein. Die Annahme das die Konsumenten sich offline informieren und dann online konsumieren ist woh nicht haltbar.

Eine Umfrage unter 10.000 Konsumenten die online zum einkaufen nutzen, hatte ergeben, das:

51% der Befragten informieren sich online, kaufen dann aber offline
17% der Befragten informieren sich offline, kaufen dann aber online

Also das exakte Gegenteil. Was die Befragung nicht berührt ist, das nicht alle Geschäfte gleichermaßen davon profitieren. Mit ein Grund ist eine – meiner Meinung nach – beinahe schon bockige Haltung einiger Einzelhändler. Ich provoziere gerne in Geschäften damit offen Fotos mit dem Handy zu machen und zu chatten und zu surfen. Besonders in kleineren Geschäften werde ich häufiger darauf angesprochen und werde gebeten „das sein zu lassen“. Auf Nachfrage wird mir immer vorgeworfen, ich wolle den Laden als „kostenlose Beratungsstelle“ nutzen und dann wo anders kaufen.

Nun – genau das passiert dann auch. Eben auch in den Fällen wo ich eine feste Kaufabsicht hatte, aber zum Beispiel eine Meinung meiner Frau am anderen Ende des Chats zur richtigen Farbe etc. wissen wollte. Der Gipfel liegt dann darin, das Einzelhändler Initiativen starten, die den Menschen ans Herz legen sollen lokal einzukaufen, damit nicht der Einzelhandel pleite geht und die großen Onlineunternehmen profitieren. Auch das wirkt schulmeisterlich auf vieler Konsumenten und führt eher zum Gegenteil. Und letztlich: Warum sollte der Konsument das in diesem Moment tun? Wo ist der Vorteil?

Genau diese Frage nach dem Vorteil ist der zentrale Punkt, der mir in den meisten Diskussionen fehlt. Ein Einzelhändler sollte mehr sein als ein hochwertiges Warenlager. In den meisten Fällen ist er aber genau das und wundert sich, wenn Kunden seinen vermeintlichen Service nicht in Anspruch nehmen wollen. Der Einzelhändler hat eigentlich alle Trümpfe in der Hand und kann dem Konsumenten (noch) ein viel besseres Erlebnis vermitteln als jeder Onlineshop der Welt. Dazu muss der Laden aber natürlich auch etwas bieten – was über befüllte Regale deutlich hinausgeht und sich nicht oft findet.

Ich schreibe „noch“, weil sich die Technologie mit Augmented und Virtual Reality noch mal drastisch verändern wird und es für den Einzelhandel noch schwerer werden wird, sich gegen den Onlinehandel durchzusetzen. Insofern bin ich wenig optimistisch für den Einzelhandel und halte das Szenario von 50.000 geschlossen Geschäften bis 2020 eher noch für „konservativ“. Ein dramatischerer Rückgang ist denkbar. Und das ist sehr schade und vor allem auch in vielen Fällen unnötig.

 

 

1 Comments

faust
ja diese Problematik ist all zu bekannt, jedoch darf mann den Einzelhandel nicht völlig den schwarzen peter in die schuhe schieben, viele Städte z.b Ulm / Donau baut wie ein weltmeister also stau , kein parkplätze .... das schafft keine einkaufswelt. hier sind stadträte gefordert besser gesagt diese sollten denken wie händler und nicht wie beamte ( sie wissen was ich meine). ansonsten werden städte streben kein handel, keine cafes kein grund in solchen städten zu leben, gibt in der summe eine Kettenreaktion.

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