Crowdfunding – deal or no deal?

Crowdfunding – deal or no deal?

  • On 28. Juni 2016
  • 0 Comments

Crowdfunding ist ja so ein Trendthema der letzten Jahre. Sowohl im Hinblick auf das Unterstützen von Projekten, als auch als Methode um ein Funding zu bekommen. Ich habe da eine etwas kontroverse Sicht drauf, denn meiner Meinung nach ist Crowdfunding in aller Regel mit sehr viel Vorsicht zu genießen und im Gros nichts als heiße Luft. Hier ein paar Worte zum Warum.

Crowdfunding als Unterstützer (backer)

pingIch habe selber etwa ein halbes Dutzend Projekte unterstützt in den Jahren 2013 – 2015. Als erstes das Projekt im Foto: Ping Wallet. Danach noch diverse andere Hardwareprojekte. Alle haben folgendes gemein:

  • die Produkte klingen echt gut und alles hört sich sehr profund an
  • die Projekte sind bis heute nicht abgeschlossen. Obwohl alle spätestens 2015 hätten geliefert werden sollen, habe ich bis heute kein einziges Produkt wirklich erhalten

Im Falle vom Ping Wallet hat der „Organisator“ in 2014 dann selber zugegeben, das er das Projekt nicht finalisieren kann und es wurde kommuniziert, das alle Unterstützter Ihr Geld (zumindest anteilig) zurück erhalten sollen. Man ahnt es schon – dem war nicht so. Die Information zum „refund“ war das letzte Lebenszeichen.

Die Plattformen, die das Funding abwickeln, profitieren von erfolgreichen Projekten, da diese einen Teil des eingeworbenen Geldes für sich behalten. Im Falle des Verzugs oder des Totalverlustes haben die Plattformen aber keinerlei Verantwortung. Sprich: Steckt man Geld in ein Projekt und bekommt keine Ware, schaut man sprichwörtlich in die Röhre. Kickstarter und Co haben sich allerdings zu Beginn schon versorgt.

Nachdem ich anfänglich naiv euphorisch dem Crowdfunding gegenüber gestanden bin, halte ich inzwischen besonders die Organisationsform der Projektbörsen wie Kickstarter, Indiegogo, Seedmatch und Co (volle Liste aller Crowdfundingplattformen hier) für nicht kompatibel mit den Interessen der Investoren.

  • Die Plattformen leben vor allem von einem Share, den sie vom eingeworbenen Kapital erhalten. Für die Plattformen ist es also wichtig, möglichst viele und möglichst „teure“ Projekte zu realisieren. Primäre Stoßrichtung ist also aggressives Wachstum, da nur so überlebt werden kann. Besonders bei der Menge an Angeboten (siehe Liste)
  • Die Investoren wollen ihr Geld rentabel anlegen. Also entweder Rendite erhalten (bei reinen Investmentcases) und/oder beschriebene Produkte/Services in time, budget und scope erhalten. Das ist eine sehr komplexe Aufgabe und bei den gescheiterten Projekten (wie meinem Ping Wallet) ist wohl nur selten von Betrug auszugehen – vielmehr werden sich die meisten Projektteams schlicht und einfach verschätzt haben, wie anspruchsvoll ihre Projekte sind. Der Teufel liegt eben meist im Detail.

Aus Investorensicht wäre es also sinnvoll und gegeben, Projekte und die dahinter stehenden Teams im Hinblick auf „Lieferfähigkeit“ zu screenen. Dann würde es zwar immer noch Ausfälle geben, aber vermutlich nicht so viele. Wird so aber nicht stattfinden, da wie oben beschrieben dann die Luft zu dünn wird für die Plattformen.

Crowdfunding als Projektinhaber (receiver)

Doch auch auf der anderen Seite des Tisches finde ich Crowdfunding wenig sinnvoll. Dazu muss ich gleich anfügen, das ich selber noch kein Crowdfundingprojekt verantwortet habe. Meine Erfahrung stützt sich vor allem auf Personen aus meinem Netzwerk, die Crowdfunding genutzt haben – mal erfolgreich, mal nicht. Alle gemein haben, das die Realisierung des Crowdprojektes sehr aufwändig ist. Es müssen zahlreiche Unterlagen erstellt werden und vor allem muss das Projekt aktiv und sehr intensiv begleitet werden. Nur in extremsten Ausnahmesituationen entwickelt sich ein viraler Effekt, der das Projekt quasi von alleine „funded“. Darüber dann zwar gerne berichtet – die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber ebenso gering wie ein hoher Lottogewinn und hier noch klar abhängig vom Thema. Sofern Du keinen „funky future hot shit“ anzubieten hast, wird das nicht der Fall sein. Also heißt es: schieben, schieben, schieben. Crowdfundingexperten sprechen davon, das je 1€ angepeilter Fundingsumme 1 – 4 Visits auf der Projektseite stattfinden müssen. Da kommen schnell echt große Zahlen zusammen und das heißt im Klartext, das eine solche Kampagne jeden Tag aktiv gemanaged werden muss und bei einem entstehenden Delta zum Sollzustand mit Maßnahmen und Aktivitäten gegengehalten werden muss.

Ich behaupte mal kühn, das jedes größere Projekt schnell auf ein Zeitkontingent kommt, das es auch erlauben würde, die üblichen Kapitalquellen anzuzapfen. Also Business Angel, VCs, Banken, Förderungen, etc.

Erschwerend kommt hinzu, das etliche Projekte die ich kenne, die erfolgreich im Crowdfunding, nur deshalb funktioniert haben, weil bereits comittete Investoren zu verabredeten Zeiten Pakete gekauft haben und dadurch der Eindruck entstand, das es sehr große Nachfrage nach dem Projekt gibt. Die Projektinitiatoren müssen aber in diesem Fall auch auf diese Investments die Gebühren an die Plattformen abführen. So müssen bei Kickstarter 5% vom Fundingbetrag an Kickstarter bezahlt werden; das Payment wird zwingend über Amazon Payment abgewickelt, die zwischen 3 – 5% vom Fundingbetrag verlangen – beides unabhänhgig davon, ob der Backer dann auch wirklich selber bezahlen wird. Diese 8 – 10% sind also auch dann fällig, wenn jemand mein Projekt unterstützt, der mich auch auf anderem Wege unterstützen würde. Genau genommen müssten diese Gebühren auf das tatsächlich fremd eingeworbene Geld umgelegt werden und die Gebührenquote wird schneller über 10% liegen.

Bildschirmfoto 2016-06-27 um 13.28.45Als weiteres handelt es sich bei Crowdfunding um eine Finanzierungsform, die auch im Nachgang Transparenz, Kommunikation und Arbeit erfordert. Das passt nicht zu jedem Produkt und schreckt oftmals weitere Investoren ab. Ein Beispiel: Scio ist ein Molekularsensor, der es erlauben soll Produkte auf Ihre Zusammensetzung hin zu untersuchen – quasi wie ein Tracker bei Raumschiff Enterprise. Scio auf den Apfel halten – Wasseranteil messen – per App anzeigen lassen ob der noch lecker ist. Das mal als einfaches Beispiel. Scio hatte enormen Erfolg auf Kickstarter und hat für viel Unruhe gesorgt. Inzwischen liegt das Projekt wegen einem Markenrechtsstreit auf Eis. Gut vorstellbar, das ein Unternehmen das Scio nicht im Markt haben will, sich in der langen Laufzeit des Projektes so aufgestellt hat, das das Projekt blockiert werden konnte. Durch die regelmäßigen Newsupdates war sehr gut einsehbar, wie der aktuelle Entwicklungsstand ist. Im „stealth mode“ hätte der Scio aus dem Projekt zumindest gelauncht werden können und man hätte erste Learnings erzielen können.

Resumee: Es steht mir sicherlich nicht zu, Crowdfunding generell zu verteufeln. Es gab und wird auch weiterhin viele gute Projekte geben. Es gibt sicherlich auch Umfelder, in denen Crowdfunding eine besonders bevorzugungswürdige Finanzierungsform ist – zum Beispiel soziale Projekte, wie auf betterplace. Dennoch empfiehlt es sich meiner Meinung und Erfahrung nach sehr, die Sinnhaftigkeit von Crowdfunding kritisch zu hinterfragen. Ich werde in Zukunft lieber etwas länger warten und das fertige Produkt im Laden kaufen – sofern es das dann wirklich gibt.

 

0 Comments

Kommentar verfassen