Gewerkschaft vs. Digitalisierung

Gewerkschaft vs. Digitalisierung

  • On 12. Februar 2016
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Auf Gründerszene gab es Mittwoch einen spannenden Artikel zu einem Streitgespräch zwischen einer Vetreterin von Verdi und dem CEO von Helpling. Helpling setzt für die vermittelte Putzleistung auf Freelancer, die den Job übernehmen. Der Lohn ist dabei vergleichweise gering, die soziale Absicherung abseits von einer Unfallversicherung im Entscheidungsraum des Freelancers – also in der Regel nicht vorhanden um vom geringen Lohn zu zahlen. Auf der anderen Seite ist das Thema „Putzkraft“ sonst eher nicht reguliert – zumindest was die Nachfrage im privaten Segment betrifft. Das bedeutet also Arbeit ohne Vertrag und Sicherheit, Schwarzmarkt, noch mehr Risiken. Helpling argumentiert, das der bloße Umstand einer vertraglich regulierten Tätigkeit hier schon ein Fortschritt ist. Kann ich mir lebhaft vorstellen, das sich die beiden gut verstanden haben.

Abseits davon, das ich bei dem Gedanken an das Gespräch schmunzeln muss, ist es eigentlich ein Jammer. Beide Positionen finde ich nicht richtig und eine sinnvolle Lösung wird nicht angegangen. Denn auch hier mangelt es an Digitalisierung. Doch der Reihe nach.

Helpling – und auch die meisten anderen vertikalen Marktplätze – nutzen im Grunde bestehende Lücken aus. Hier im Sinne der fehlenden Ordnung und der Intransparenz der Märkte. Helpling stellt eine Technologie bereit, die Endkunden und Dienstleister verbindet, einen klaren Rahmen definiert und die Spielregeln setzt. Das macht Helpling natürlich nicht zum Spaß und versucht zum einem beim Kunden einen hohen Preis durchzusetzen und auf der anderen Seite zu sparen. Hohen Preis durchsetzen ist generell schwierig, sparen geht schon eher. Der Freelancer, der Beschäftigung sucht, macht dann auch schon mal „etwas“ für weniger Geld und lässt die nötigen Rücklagen für Steuern, Versicherungen, Altersvorsorge bei Seite – falls ihm überhaupt deren Relevanz klar ist. Und so ist es auf der einen Seite gut, das Unternehmen wie Helpling überhaupt Ordnung in einen unklaren Markt voller Ausbeutung, Steuerbetrug und vielem mehr bringen. Auf der anderen Seite entzieht Helpling dem Markt sofort die Chance in dieser Iteration des Marktmodells eine faire Transfersituation zu schaffen. Vermutlich geht es auch gar nicht, alle Parteien (Kunde, Vermittler, Freelancer) fraternistisch zu berücksichtigen. Und ob ein solches Modell finanziert werden würde, steht auch noch auf einem anderen Blatt Papier. Dennoch – es ist so: Der Freelancer der hier als Putzkraft arbeitet, macht dauerhaft kein gutes Geschäft mit seiner Leistung für Helpling. Und wenn ich den Gedanken weiter spinne und überspitze, kommt da am Ende nichts Gutes bei raus.

Die Gewerkschaften, allen voran Verdi, sind allerdings auch nicht Teil der Lösung. Gewerkschaften haben sicherlich viel erkämpft, von dem wir alle heute profitieren; darauf kann man stolz sein und dankbar, wenn man die Vorzüge genießt. Dennoch haben Gewerkschaften einige gravierende und stark unmwälzende Veränderungen verpasst, bzw. hadern noch damit, diese Veränderungen zu akzeptieren und einzubinden. In dem Gespräch weicht die Verdi Vertreterin den Argumenten von Benedikt Franke zum Beispiel letztlich immer nur aus. Der Umstand, das Putzkräfte meistens keinen Vertrag haben und ihr Geld illegal verdienen, wird nicht reflektiert von Verdi. Statt dessen kommen unpraktikable Vorschläge: Beispielsweise das Privathaushalte ihren Bedarf bei professionellen Gebäudereinigern decken sollen. Da kostet die Stunde dann jenseits 20 Euro + Mehrwertsteuer. Mal ehrlich – wer tut das? Und natürlich darf am Ende der Ruf nach einem Betriebsrat bei Helpling nicht fehlen – was hat denn davon der Freelancer? Nichts!

Vermutlich würde (fast?) jeder mir zustimmen wenn ich sage, das es wünschenswert ist, wenn alle Menschen einen fairen Lohn für Ihre Leistung bekommen und das ein Leben mit diesem Verdienst möglich sein soll, gar möglich sein muss. Das ist heute nicht überall der Fall und ich kann die Angst nachvollziehen, das Marktplatzmodelle wie Helpling und Co diese Situation weiter verschlechtern. Die Ansätze der Gewerkschaft sind allerdings verkürzt und sachfern. Damit ist keinem geholfen – außer der Gewerkschaft, die Mitglieder gewinnen und Macht erhalten will.

Statt dessen müsste vor allem Verdi sich aktiv mit Digitalisierung auseinander setzen. Antizipieren, wie sich die Arbeitswelt verändern wird und was das für alle bedeutet. Wie können sinnvolle Instrumente aussehen um die Gruppierungen aus Auftragnehmern oder Arbeitnehmnern auf der einen Seite und Auftraggebern, Vermittlern oder Arbeitgebern auf der anderen Seite gleicher maßen zu schützen? Eine Doktrin in der simpel zwischen gut und böse unterteilt wird, ist dabei nicht hilfreich. Doch Digitalisierung steht bei Verdi nicht auf der Agenda, denn digital ist das neue „böse“. Dabei brauchen wir gerade für die bevorstehenden Umwälzungen solche Instrumente. Alles was bisher gewesen ist, wird uns wie das warm-up für den eigentlichen Event vorkommen. Wenn in 20 – 30 Jahren zahlreiche der heute bestehenden Jobs verschwunden sein werden, können wir nicht mit Quoten oder Mitspracherechten argumentieren. Die Antworten der Zukunft müssen wir jetzt anfangen zu erarbeiten.

 

 

 

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