100 Millionen für die Hamburger Start-Up Szene – Lachnummer oder große Ansage?

100 Millionen für die Hamburger Start-Up Szene – Lachnummer oder große Ansage?

  • On 19. Januar 2016
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Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass die Stadt Hamburg die Start-Up Landschaft mit bis zu 100 Millionen Euro fördern will. Das Geld soll in Tranchen bis maximal 5 Millionen Euro Unternehmen bereitgestellt werden, die sich in der Phase vor „der Marktdurchdringung“ befinden. Für die Frühphase gibt es auch bereits einen Fond der Stadt Hamburg. Wenngleich dieser Topf nur für wenige Start-Ups in Frage kommt. Spieleentwickler, welche in Hamburg stark sind, profitieren etwa nicht davon. Demnach würde sich der neue Fördertopf zwischen „Early stage“ und „Growth stage“ einphasen.

Das klingt natürlich toll. Bei genauerem Hinsehen nimmt die erste Euphorie allerdings schnell ab. Bislang handelt es sich um eine „Idee“, die am 20. Januar erst mal als Antrag in die Bürgerschaft (Anmerkung: Hamburger Stadtparlament) eingebracht werden soll. Dass der Antrag durchgehen wird, ist wahrscheinlich. Von den 100 Millionen Euro werden „nur“ 10 Millionen durch die Stadt garantiert – der Rest soll durch andere Finanziers eingeschossen werden, die in Paketen bis maximal 10 Millionen Euro einzahlen sollen. Ob diese immerhin 90 Millionen Euro von privat zugeschossen werden, bleibt abzuwarten. Gerne wird in diesem Bereich mit Vorverträgen gearbeitet – solche scheint es bisher nicht zu geben.

Die Stadt Hamburg plant solch einen Fördertopf sicherlich aus zwei Motivationsgründen. Zum einen soll lokalen Unternehmen geholfen werden, sich schneller oder zuverlässiger zu entwickeln. Zum anderen sollen vermutlich Unternehmen aus anderen Städten überzeugt werden, auch nach Hamburg zu kommen und so Unternehmen umgesiedelt werden. Perspektivisch entstehen dann also steuerzahlende Unternehmen und neue Arbeitsplätze. So weit so schön.

Ich sehe das dennoch weniger euphorisch, aus einer ganzen Reihe von Gründen.

Zunächst finde ich die Einordnung – so denn diese wirklich gelebt werden soll – wenig glücklich. Theoretisch kommt nach „Early-Stage“ die „Growth Phase“. Für Early Stage gibt es wie gesagt bereits ein bescheidenes Angebot; für Growth sind 5 Millionen Euro oftmals nicht viel. Dazwischen passt aber nur wenig Papier und ich habe Zweifel, dass sich das im echten Leben ausgewogen umsetzen lässt.

Darüber hinaus finde ich finanzielle Förderungen durch die Stadt sehr „komplex“. Zum einen tritt die Stadt in Wettbewerb mit anderen Unternehmen. Verlieren Unternehmen „Kunden“ – also Start-Up´s die finanziert werden sollen, reduziert das perspektivisch das Interesse der Investoren an der Stadt. Start-Up´s, die keine konventionelle Förderung erhalten, sind hingegen genauer zu beleuchten, da unklar ist, wieso dies so ist. Sprich: Entweder verprellt die Stadt die klassische Investitionsstruktur, oder es besteht zumindest der latente Verdacht das wenig performante Unternehmen gefördert werden. Darüber hinaus besteht die Gefahr einer Interessensvermengung, wenn die Stadt Anteile an Unternehmen hat und so im Wettbewerb mit anderen Unternehmen steht. Meiner Ansicht nach sollte die Stadt neutral sein.

Zum anderen frage ich mich, wie groß die Chance ist, dass die Rechnung aufgeht. Im Start-Up Umfeld wird üblicher weise damit gerechnet das 10 bis 20% der Unternehmen erfolgreich sind. Bei paritätischer Verteilung würde das bedeuten, dass von 100 Millionen Euro 80 Millionen verloren gehen (bestenfalls, kann auch mehr werden). Der „Uptake“ der restlichen Unternehmen müsste diesen Verlust kompensieren. In Aktien oder einem anderen Exit mag das häufiger funktionieren. In Arbeitsplätzen, Steuern und sonstigem stelle ich mir das schwieriger und langwieriger vor.

Ob und wenn ja, welche, Investoren das anders bewerten und bereit sind dieses Vorhaben zu stützen, wird sich dann noch zeigen – ansonsten wird es ohnehin nichts mit 100 Millionen.

Eine weitere Befürchtung die ich habe ist, das Symptom des „Bonushunting“. Wer nur wegen „Förderung“ in eine Stadt kommt, wird vermutlich auch wieder gehen, wenn er anderswo mehr oder neue Förderung erhält. So können sich Kommunen gut gegenseitig das Geld aus der Tasche ziehen und Privatunternehmen profitieren – zu Lasten des Steuerzahlers.

Das alles, in Verbindung damit, das über die Maßnahme geschrieben wird, bevor der Antrag in die Bürgerschaft eingebracht ist, hinterlässt bei mir den Eindruck von Verzweiflung. Verzweiflung bei den Verantwortlichen in der Stadt, die es bisher nicht geschafft haben, eine Start-Up Ökosphere zu begünstigen, die zur zweitgrößten Stadt in Deutschland passt. Meiner Ansicht nach gibt es zu wenig Start-Up Unternehmen und zu wenig Infrastruktur.

Und damit kommen wir zu meinem Gegenvorschlag: Ich finde die Stadt sollte sich nicht als direkter Unternehmer betätigen – auch nicht in Form einer Beteiligung. Mir ist bewusst, dass viele größere Städte inzwischen aber solche Programme anbieten, um Start-Ups zu ködern und auf die Beine zu helfen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Stadt die Rolle als Unternehmer oder Beteilgungsmanager nicht wirklich sinnvoll ausfüllen kann. Die Stadt muss allerdings die Rahmenbedingungen schaffen, das sich neue Wirtschaftszweige ansiedeln können – so auch im Start-Up Bereich. Darunter verstehe ich aber mehr, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden sollten, die Unternehmertum im jeweiligen Bereich fördern und für alle gleich sind. Das könnten zum Beispiel sein:

  • geförderte Mietflächen mit guter Lage, guter Infrastruktur und reduzierten Mietkosten
  • Aus, Fort- und Weiterbildungsangebote die von Unternehmen und ihren Mitarbeitern regelmäßig genutzt werden können
  • Netzwerkveranstaltungen und (interaktive) Plattformen mittels derer sich die Branche in sich und mit anderen besser vernetzen kann
  • Finanzielle Förderung von Forschungsthemen/Innovationsthemen – aus Unternehmen heraus
  • Eventuell zu den bestehenden Sozialmaßnahmen hinaus finanzielle Unterstützung von Unternehmensgründern/1-Personen-Gesellschaften die in der Ökosphere tätig sind
  • Anlockung unterstützender Industrien – wie zum Beispiel Venture Capitalists im Falle der Start-Ups
  • Ermöglichung von engerem Austausch zwischen Stadt und Stakeholdern
  • Nach Prüfung: Startkapital für Gründer in der seed-Phase als einmaliger Zuschuss

Ich bin überzeugt davon, das es noch viele weitere, sinnvolle Maßnahmen gibt. Und die Summe solcher Maßnahmen würde zu einer Entwicklung eines starken und unterstützendem Umfeld führen. Das führt wiederum zur Anlockung von Köpfen à Ideen à Projekten à Geld à Unternehmen à Arbeitsplätzen à und wieder von vorne….

Berlin ist inzwischen ohne jeden Zweifel der Star am deutschen „Start-Up Himmel“. Und wenn Berlin eines nicht hat, dann ist es Geld. Der Grund dürfte natürlich zunächst die Einwohnerzahl und die Internationalität sein. Es ist aber auch der Umstand, dass es in Berlin einfach Bereiche gibt, in denen „digital“ wirklich gelebt wird und die vom Austausch und der Verbindung her am ehesten den Benchmarks in London oder gar San Francisco gerecht werden.

Nur das wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es sehr gut, das Hamburg versucht seine Start-Up Kultur zu fördern und junge Unternehmen zu stützen. Ich denke allerdings, dass ein anderer Weg erfolgversprechender und weniger teuer ist.

 

2 Comments

Holger
Abgesehen von der mangelhaften Rechtschreibung und Interpunktion hat Sven Ivo Brinck auch nur unzureichendes Verständnis von der Materie. Die Anmerkungen sind im wesentlichen falsch, und ein "Experte für digitale Geschäftsmodelle" sollte zudem ein wenig mehr Fachwissen über Startup-Finanzierungen haben. Richtig ist allerdings, dass der geplante Fonds auf Growth-Finanzierungen abzielt und die Pressemitteilung bzw. Pressekonferenz dies nicht richtig vermittelt.
    admin
    Hallo Holger. Danke für den Hinweis in Sachen Rechtschreibung und Interpunktion. Das war noch nie meine Stärke - ich werde mir mehr Mühe geben. Ansonsten ist mir nicht klar, wieso sich ein "digital Expert" mit Finanzierungen auskennt und was Du an meinen Ausführungen nun falsch findest. Ich freue mich zu diskutieren - gerne auch hart. Wenn du das so behauptest, sollten aber bitte auch "Belege" folgen.

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